© Herzog
Gesundheit
29.01.2026

Altes Wissen, neue Kraft

Die Räucherexpertin und Unter­nehmerin Annemarie Herzog gibt im Gespräch mit advantage Ein­blicke in die volks- und natur­kundliche Praxis des Räucherns.

Annemarie Herzog ist auf dem Gebiet des Räucherns eine echte Koryphäe – acht Bücher zum Thema verfasste die Südkärntnerin im Laufe der Jahre, rund hundert themenspezifische Räucherwerke, alle davon handgefertigt, bietet sie in ihrer Achanta Räuchermanufaktur an. Ab ihrem fünften Lebensjahr wurde Herzog von ihrer Großmutter in die volkskundliche Methode des Räucherns eingeführt. Kein Wunder also, dass ihr das Räuchern, wie sie sagt, in Fleisch und Blut übergegangen ist. Im Gespräch mit advantage erzählt Annemarie Herzog von ihrer Faszination für das Räuchern, von der beruhigender Wirkung in unruhigen Zeiten und von der Möglichkeit, auch besonders schlimme Lebensphasen erträglicher zu machen.

advantage: Was ist Ihr persönlicher Bezug zum Räuchern? Was fasziniert Sie daran?

Annemarie Herzog: In meinem Leben hat es keine Zeit ohne Räuchern gegeben. Meine Großmutter hat mich als Kind in diese volkskundliche Methode eingeführt. Sie war Teil von etwas, das wir heute Therapiezentrum nennen würden: Eine Frau hat Salben gerührt, sie selbst hat geräuchert, eine andere hat Tinkturen hergestellt. Diese Frauen sind gerufen worden, wenn jemand ein Problem hatte. Das Räuchern war aber in jedem geschichtlichen Zyklus wichtig. Es ist eine der bedeutendsten Säulen der Naturheilkunde. Ein berühmtes Beispiel ist Sebastian Kneipp, der in der Cholerazeit alle Räume mit Kranken, die er besucht hat, ausgeräuchert hat, und dadurch selbst nie krank wurde.

Dem Weihrauch wird ja eine desinfizierende Wirkung nachgesagt.

Absolut – er wirkt desinfizierend, virentötend und antibakteriell. Beim Räuchern ist es wichtig, die Kräuterkunde zu kennen, damit man zum richtigen Thema das Richtige mischt. Ich kann von einer Pflanze nicht verlangen, dass sie mir hilft, gut zu schlafen, wenn sie gar nicht dafür geeignet ist. Dieses Wissen ist in der heutigen Zeit ziemlich verloren gegangen, aber es ist immer öfter der Fall, dass Menschen sich damit befassen und die enorme Kraft, die dahintersteckt, für sich nutzen.

„Es ist notwendig, die innere Batterie aufzuladen, um Energie für den Alltag zu haben.“

Annemarie Herzog

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Warum findet bei vielen Menschen aktuell eine Rückbesinnung auf alte Praktiken wie das Räuchern statt?

Im Unterbewusstsein der Menschen ist gespeichert, dass die Natur uns nie im Stich lässt. Die Hilfe der Natur ist immer da, man muss sie sich nur nehmen. Je schlechter es einem Menschen geht, umso mehr besinnt er sich darauf. In Zeiten wie diesen, in denen es ganz viele Ängste, Stress, Unsicherheit oder einfach Überforderung gibt, ist es ideal, auf dieses alte Wissen zurückgreifen zu können. Vor allem, wenn man in der Anwendung merkt, wie schnell und effektiv es lindert.

Woher kommt die Wirkung des Räucherns?

Beim Räuchern werden die Zutaten zum richtigen Zeitpunkt in Handarbeit getrocknet, geschnitten und gemischt. Durch den Trockenvorgang ziehen sich die Kräuter zu 100 Prozent zurück und ihre Kraft wird gebündelt. Um diese Kraft nach außen zu bringen, brauchen die Kräuter Hitze. Das Räuchern ist dafür eine einmalige Möglichkeit. Aufgrund der Erhitzung mithilfe der Räucherkohle entsteht Rauch, in dem die Kraft der Kräuter enthalten ist. Der feinstoffliche Rauch bahnt sich den Weg dorthin, wo unterstützt werden soll. Man sollte nur in der Nähe des Räuchertopfes sitzen und den angenehmen Geruch genießen.

Der Winter ist für viele Menschen eine Zeit der Stille, der Ruhe und des Rückzugs. Welche Rolle kann hier das Räuchern spielen?

Im Menschen ist verankert, dass er sich zurückziehen sollte, sobald sich die Natur zurückzieht – was er allerdings nicht tut, obwohl es für jeden Einzelnen ein Segen wäre. Die Rauhnächte, also die zwölf Tage und Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag, sind die klassische Zeit, um zu reflektieren und sich mit dem Räuchern zu befassen. Diese Zeit haben die Menschen immer genützt, um in die Ruhe zu gehen und alte Themen aufzuarbeiten. Am besten wäre es, energievoll ins neue Jahre zu starten und nicht mit einem Rucksack voller unerledigter Themen. Zusätzlich ist es wichtig, die innere Batterie aufzuladen, um Energie für den Alltag zu haben. Wir sind keine Roboter, wir sind Menschen.

„Die Hilfe der Natur ist immer da, man muss sie sich nur nehmen.“

Annemarie Herzog

Ihr Lebensgefährte Rolf Bickelhaupt ist vor wenigen Monaten verstorben. Wie können Trauernde das Räuchern nutzen, um neue Kraft zu finden?

Man sagt ja, gegen alles ist ein Kraut gewachsen – und das ist in diesem Fall absolut wahr. Die Trauer um einen Menschen ist ein Prozess, den einem niemand nehmen kann. Man muss ihn durchwandern – aber man kann ihn lindern. Das Räuchern war eine unvorstellbare Hilfe für mich. Ich habe teilweise bis zu fünfmal am Tag geräuchert, mit Johanniskraut, Melisse, Hopfenblüte, Passionsblume und Angelikawurzel. Sobald der Rauch aufgestiegen ist, habe ich gemerkt, wie sich die innere Schwere löst und auch die Leere nicht mehr so stark spürbar ist. Das war wie Balsam auf meiner wunden Seele, und es hat Unfassbares bewirkt. Da ich nun selbst eine solche Zeit erlebt habe, ist es für mich umso schöner zu wissen, dass ich diese Hilfe jedem zur Hand geben kann, der sie braucht.

RÄUCHERTIPPS VON ANNEMARIE HERZOG

• Ideal ist ein hitzebeständiger, nach oben offener Räuchertopf aus Ton oder Speckstein.

• Mit Sand befüllen und die Kohle hineinlegen oder eine Schale mit Sieb verwenden und die Kohle auf das Sieb geben. Wichtig: die Kohle soll ausreichend Sauerstoff bekommen (kein Deckel).

Weniger ist mehr: Ein Zangengriff Kräuter genügt, überduftete Räume sollten vermieden werden.

• Stövchen sollten nur für Raumduft, z. B. Orangenschalen oder Tannennadeln, verwendet werden – das Teelicht erzeugt nicht genug Hitze, um Harze, Wurzeln oder Holz aufzulösen.

Immer mehr Menschen begeistern sich für die alte naturkundliche Praxis des Räucherns. © Herzog

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