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Wirtschaft
18.08.2026

„Bewirtschaftete Wälder leisten den besten Klimaschutz“

Expert:innen aus der Forst- und Holzwirtschaft fordern eine Überarbeitung der LULUCF-Verordnung („Land Use, Land Use-Change and Forestry“) der EU. Martin Höbarth erläutert die Kritikpunkte.

advantage: Hauptkritikpunkt an der LULUCF-Verordnung der EU?

Martin Höbarth: Die aktuelle Debatte rund um den Beitrag der Wälder zum Klimaschutz wird zunehmend von verkürzten Darstellungen geprägt. Bei der Betrachtung isolierter Zahlen einzelner Jahre entsteht durch die Berechnungsmethodik der LULUCF-Verordnung der falsche Eindruck, dass der Wald ein Problem wäre. In Wirklichkeit ist die Forstwirtschaft der einzige Wirtschaftsbereich, der CO2 in gewaltigen Mengen aufnimmt. Alle anderen Sektoren produzieren fossiles CO2. Die Daten machen zudem klar: Der Wald kann kein politisches Wunschdenken erfüllen, sondern folgt natürlichen Gesetzmäßigkeiten.

Was ist konkret der Denkfehler in der LULUCF-Verordnung?

Der größte Denkfehler liegt bereits beim Klimaschutzabkommen von Kyoto 1990. Es wird nicht zwischen grauem, fossilem CO2 und grünem, biogenem CO2 unterschieden, das sich bereits im CO2-Kreislauf befindet. Die LULUCF-Grafik zu Senken und Quellen seit 1990 verdeutlicht, dass die CO₂-Bindungsleistung der Wälder Schwankungen unterliegt, die primär auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Häufigere Extremwetterereignisse, zunehmende Kalamitäten wie Borkenkäferbefall sowie eingeschränktes Wachstum in Trockenjahren führen temporär zu geringeren Senkenleistungen. Die fehlerhafte Verordnung muss daher zeitnah mit umfassender Einbindung des Forst- und Holzwirtschaftssektors komplett neu konzipiert werden.

Welche Änderungen müssten erfolgen?

Neben der Änderung der Methodik und der Definition realistischer Ziele müssten zum Beispiel jene Holzprodukte, die aus importiertem Rundholz in Österreich erzeugt werden, vollständig angerechnet werden. Diese bleiben in der Klimabilanz derzeit unberücksichtigt. Dadurch ist ein bedeutender Teil des in Österreich gespeicherten Kohlenstoffs, das sind drei Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, unsichtbar. Diese Kohlenstoffspeicher aus importbasierten Holzprodukten werden in keinem Land angerechnet.

Welche Bedeutung haben Holzprodukte im Zusammenhang mit der Klimadiskussion?

Holzprodukte sind eine wichtige, bislang deutlich unterschätzte CO2-Senke. Sie sind nach den Wäldern die zweitgrößte Kohlenstoffsenke Österreichs und ersetzen emissionsintensive Materialien. Dieser Substitutionseffekt müsste auch unserem Sektor angerechnet werden. Es bedarf einer konsolidierten EU-Bilanz, in der alle Holzprodukte mit für Europa relevanten „Abbauzeiten“ erfasst sind. Weiters sollten wir dieses Potenzial mit gezielten Maßnahmen nutzen. Das heißt, die Holzverwendung im Bauwesen stark auszubauen, die Substitutionseffekte unserem Sektor zuzurechnen und die regionale Wertschöpfungskette zu stärken.

Welche Bedeutung hat die Waldwirtschaft?

Nachhaltige Waldbewirtschaftung ist neben langlebigen Holzprodukten und den Substitutionseffekten des Holzenergieeinsatzes für den Klimaschutz, die Versorgungssicherheit und die positive Wirtschaftsentwicklung in Österreich von großer Bedeutung. Entscheidend ist der Blick auf die langfristige Gesamtleistung.

Kann man diese in Zahlen darstellen?

Die Forst- und Holzwirtschaft hat seit 1990 eine immense Klimaschutzleistung erbracht. Rund 400 Millionen Tonnen CO₂ wurden zusätzlich im Wald und im Waldboden gebunden. Weitere etwa 80 Millionen Tonnen CO₂ sind in Holzprodukten gespeichert – von langlebigen Bauprodukten bis zu kurzlebigeren Anwendungen wie Papier. Hinzu kommt die Substitution fossiler Energieträger durch Holz, die mit rund 430 Millionen Tonnen CO₂ zu Buche schlägt. Insgesamt ergibt sich eine Entlastung der Atmosphäre von rund 900 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten – eine Klimaschutzdienstleistung der Waldbesitzer:innen ohne finanzielle Abgeltung.
Bei Betrachtung der gesamten Zeitspanne mit konstanten Waldinventurdaten seit 1960 wäre der gewaltige Klimaschutzbeitrag des Forst- und Holzwirtschaftssektors noch um ein Vielfaches höher.

Die akkumulierte Senkenleistung der Forstwirtschaft und der Holzprodukte (HWP – Harvested Wood Products) sowie die Substitutionswirkung des Holzenergieeinsatzes erzielen in Österreich seit 1990 den gewaltigen Klimaschutzbeitrag einer Atmosphärenentlastung um ca. 900 Millionen Tonnen fossilem CO2 (Datenquelle: UBA – LULUCF, Statistik Austria, REDIII).

Wie schauen im Vergleich dazu die Emissionen der fossilen Brennstoffe aus?

Im Gegensatz zu den sehr positiven Klimaschutzwirkungen einer aktiven Waldbewirtschaftung und Holzverwendung wurde die Atmosphäre seit 1990 durch die Verbrennung von Kohle, Erdölprodukten und Erdgas in Österreich mit rund 2,4 Milliarden Tonnen fossilem CO₂ belastet. Während einzelne Waldjahre öffentlich problematisiert werden, wird die enorme Belastung der Atmosphäre weitgehend nicht hinterfragt. Ganz im Gegenteil: Für die Produktion von Energieholz werden Nachhaltigkeitskriterien regelmäßig verschärft, zusätzliche Bürokratie und Verteuerung durch Zertifizierung geschaffen und mit allgemeinen Regelwerken zur Entwaldungsfreiheit zusätzlich belastet.

Warum ist es wichtig, den Wald zu bewirtschaften?

Aus den aufgefüllten Vorratsspeichern müssen Mengen entnommen werden, damit wieder CO2 verstärkt aufgenommen werden kann. Die aktive Waldbewirtschaftung und die damit verbundene Verjüngung erhöhen die Kohlenstoffaufnahme. Ein bewirtschafteter, gesunder Wald bringt in Summe gesehen den größten Klimaschutz und ist weniger anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels wie Sturm und Trockenheit.

Mehr Informationen

EU-LULUCF
Die EU-LULUCF-Verordnung regelt, wie Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft (LULUCF = Land Use, Land-Use Change and Forestry) in die Klimapolitik der EU einbezogen werden. Sie fordert von den Mitgliedsstaaten, ihre Netto-CO2-Senke in diesem Sektor bis 2030 um 15 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2018 zu steigern. Sie setzt damit die Mitgliedsstaaten unter Druck, temporär weniger Holz einzuschlagen. Darüber hinaus wird CO2 aus verbranntem Holz im LULUCF-Sektor direkt als Emission verbucht. Jedes Land muss jährliche Berichte über Emissionen und Senken aus LULUCF abgeben.

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