Bildung

Boss undercover, aber sinnvoll

Der Brückenschlag bietet Führungskräften eine einwöchige Auszeit in einer fremden Welt.

Wieder Praktikant sein und für eine Woche lang mitarbeiten in einem Arbeitsfeld, das gänzlich neu ist. In einer Branche, die völlig anders tickt, in der Probleme anders aussehen als im Businessalltag. Probleme, die keine Lösung finden und sich nicht rasch klären lassen. Wo soziale Themen dominieren, Konflikte an der Oberfläche offen ausgetragen und bearbeitet werden. Und dies in einem Managementgefüge, das doch vergleichbar ist. Auch wenn das nicht im Vordergrund steht an jenen Tagen des Brückenschlags, die man nie wieder vergisst.

Es ist das Bildungsprogramm Brückenschlag, das dazu einlädt für eine Woche lang aus dem Alltag auszusteigen und in einer völlig anderen Arbeitswelt mitzuarbeiten. Man taucht ein in eine Aufgabe, die es in sich hat und nichts beschönt, wie die Projekt­leiterin Iris Straßer es auszudrücken pflegt. Der weiterbildungswillige Teilnehmer kann sein Einsatzfeld und ­seinen Einsatzort nach Präferenz wählen ebenso wie die passende Woche. Alles wird maßgenau vorbereitet und vorbesprochen. Ob in der Altenpflege, in Suchtkrankenhaus, einer Schwerstbehinderteneinrichtung oder im Kinderdorf – es sind unzählige Möglichkeiten, die allesamt etwas gemeinsam haben: Sie prägen die Persönlichkeit, sie konfrontieren mit den eigenen Grenzen und sie hinterlassen Erfahrungen, die den ­eigenen Alltag in einen neuen, größeren Rahmen setzen. Es ist eine Woche, die demütig und dankbar macht für das eigene Leben, so heißt es oft. Aber was hinterlässt das Bildungsprogramm Jahre später? Mehr als andere Weiterbil­dungen, die man so macht. Wir haben ­nachgefragt bei jenen, die einen Brückenschlag gewagt haben. Viele Male wurde als Einsatzort eine Woche in einem Altenheim gewählt.

Was beim Leiter der Landesstelle Kärnten der Österreichischen Gesundheitskasse Johann Lintner geblieben ist?

Am Anfang war es eine echte Herausforderung und Überwindung, mich auf die Rolle als Praktikant im Alten- und Pflegeheim Haus Elvine einzulassen und Zugang zu den KlientInnen zu finden. Durch viel Geduld, Respekt und wertschätzendem Umgang mit den BewohnerInnen und mit Hilfe der MitarbeiterInnen wuchs nach einiger Zeit aber eine Vertrauensbasis, aus der sich dann ein wertvoller Austausch und ein gutes Miteinander entwickelten. Die Woche hat mich rückblickend in vielen Aspekten verändert und meine soziale Kompetenz deutlich geschärft. Was geblieben ist? Ein intensives und bereicherndes Erlebnis geprägt vom tiefsten Respekt vor KlientInnen und vor allem vor den MitarbeiterInnen, die in der Altenpflege hohe Verantwortung tragen und ihre fordernden Aufgaben mit Hingabe erfüllen.

Was die Personalchefin der Kelag Michala Sapetschnig von ihrer Brückenschlagwoche mitgenommen hat:

Diese Woche war in jeder Hinsicht eine ­Bereicherung. Ich bin in eine mir bis dato völlig unbekannte Arbeitswelt eingetaucht und durfte viele schöne, aber auch bedrückende Erfahrungen machen. Die Flexibilität, die die Mitarbeiter in der Pflegeein­richtung der Diakonie de La Tour in ihrem ­Arbeitsalltag aufbringen müssen, ist enorm. Das Arbeitsumfeld ist schwierig und eher ungewiss, weil man sich laufend auf die aktuellen Gegebenheiten und die Bedürfnisse der Heimbewohner einstellen muss. Wenn man sieht, wie schnell sich eine Lebenssituation durch eine Krankheit oder einen Unfall ändern kann, überdenkt man auch die eigenen Prioritäten. Es ist wichtig, den Menschen im eigenen Umfeld zuzuhören und ihnen mit Respekt zu begegnen. Je mehr man bereit ist, zu geben und sich einzulassen, desto mehr bekommt man auch zurück. Ich erinnere mich vor allem an den Tag, an dem ich eine Klientin im Rollstuhl zum Optiker und zum Arzt begleiten durfte. Ich erlebte hier hautnah mit, dass es in Sachen Barrierefreiheit großes Verbesserungspotenzial in unserer Gesellschaft gibt. Was mich aber besonders berührt hat: Um nach dem Besuch beim Optiker die Wartezeit auf den Rettungsdienst für die Weiterfahrt zu verkürzen, habe ich die Dame auf einen Eiskaffee eingeladen und ihr dabei geholfen, diesen zu essen. Sie war so voller Freude und glücklich darüber, wieder einmal das bunte Treiben beobachten zu können. Sie dankte mir und sagte: „Das war der beste Eiskaffee meines Lebens!“ Der „Brückenschlag“ ist jedenfalls eine Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung, die ich aus voller Überzeugung weiterempfehlen kann.

Siegfried Spanz, Geschäftsführer FH Kärnten arbeitete eine Woche lang im Altenheim Haus Elvine

Einen Lerneffekt, den man sein ganzes ­Leben mitnimmt, so würde ich die Woche im Rahmen des Bildungsprogramms ­Brückenschlag im Altenheim Haus Elvine beschreiben. Sie liegt nun schon Jahre zurück und dennoch sind die Erfahrungen noch sehr nahe. Es gibt in unserer Gesellschaft Parallelwelten, zu denen wir sonst keinen Zugang finden ,und das fünftägige Eintauchen in eine solche war für mich Horizonterweiterung der besonderen Art. Ich habe heute noch die alten Menschen genau vor mir. Auch wird einem die Leistung, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Pflegebereich erbringen, erst durch so eine Praktikumswoche bewusst. Die Berufsfelder der Pflege sind abstrakt, bis man selbst mitten­drinnen ist. Was bleibt, ist eine Erfahrung, die auch Businessentscheidungen prägt. Es relativiert manches und macht ­vieles klarer.

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