„Jeder in berufliche Teilhabe und inklusive Berufsbildung investierte Euro schafft Chancen, fördert Selbstbestimmung und stärkt nachhaltig Wirtschaft, Gesellschaft und Menschen mit Behinderungen. Lohn statt Taschengeld muss Realität werden!"
Chancenreich: „Lohn statt Taschengeld muss Realität werden!"
Der 5. Mai ist der offizielle Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen – oder Tag der Inklusion. Zu diesem Anlass setzen führende Sozialorganisationen und Unternehmen ein starkes Signal für mehr gesellschaftliche Teilhabe – mit dem Ziel: Inklusion am Arbeitsmarkt zur Selbstverständlichkeit zu machen, denn Menschen mit Behinderungen wollen selbstständig leben und arbeiten.
Mit dem neuen Bündnis vereinen Organisationen, Dachverbände, Unternehmen und NGOs ihre Kräfte. Alle von ihnen stellen Menschen mit Behinderungen an. Deren konkrete Fallbeispiele zeigen: Berufliche Inklusion ist auch für Menschen mit höherem Assistenzbedarf möglich, doch es braucht entsprechende Unterstützung und Begleitung. Aktuell sind nur 15 Prozent der Menschen mit Behinderungen in Österreich erwerbstätig.
Ein Mehrwert für alle
Philippe Narval, Generalsekretär der Lebenshilfe Österreich und Mitinitiator des Bündnisses, bringt es auf den Punkt: „Jeder in berufliche Teilhabe und inklusive Berufsbildung investierte Euro schafft Chancen, fördert Selbstbestimmung und stärkt nachhaltig Wirtschaft, Gesellschaft und Menschen mit Behinderungen. Lohn statt Taschengeld muss Realität werden!" Zahlreiche Unternehmen schätzen Menschen mit Behinderungen als wertvolle Teammitglieder.
So wie Lina Kasapoglu, Inhaberin des Café Insieme in der Stadtgalerie in Schwaz in Tirol. Sie hat sich dazu entschieden, Verena Köll, eine Frau mit intellektueller Behinderung, in ihrem Betrieb anzustellen, und betont: „Jeder Mensch hat eine Probezeit verdient. Wenn ich jetzt die Verena sehe, sehe ich einen anderen Menschen. Sie ist hineingewachsen in den Job, aber sie hat die Zeit und vor allem die Begleitung am Anfang gebraucht. Menschen mit Behinderungen wollen ihr eigenes Geld verdienen und sind stolz darauf." Für Verena Köll, die vom inklusiven Restaurant Pippilotta – einem Ausbildungsbetrieb – auf den regulären Arbeitsmarkt in das Café gewechselt ist, sind vor allem der Lohn und die damit einhergehende Selbstständigkeit zentrale Faktoren: „Mein Leben hat sich total verändert. Das Wichtigste ist, ich kann mit der Bankomatkarte zum Bankomaten gehen. Für mich ist das die größte Veränderung. Aber auch die Ausbildung in der Pippilotta in Innsbruck war wichtig für mich; dort habe ich Selbstvertrauen gewonnen."
Professionelle Begleitung
Vielen Menschen mit Behinderungen gelingt der Übergang aus einer Tagesstruktur oder der Schule in den regulären Arbeitsmarkt nicht ohne gezielte Unterstützung. Entscheidend ist eine professionelle Begleitung für die Arbeitnehmer:innen und die Arbeitgeber:innen. Sozialorganisationen unterstützen bei der Einarbeitung, begleiten bei Herausforderungen im Arbeitsalltag und stehen langfristig mit kompetenten Ansprechpersonen zur Verfügung. „Ein inklusiver Arbeitsmarkt ist eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit. Statt Sonderstrukturen braucht es reguläre Beschäftigung. NEBA-Angebote des Bundes und andere arbeitsmarktpolitische Projekte, finanziert durch die Länder, zeigen: Mit gezielter Unterstützung gelingt Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt – im Interesse von Menschen, Wirtschaft und Gesellschaft," sagt Andreas Jesse, Vorstand Dachverbands Berufliche Inklusion-Austria (dabei-austria)
Strukturelle Benachteiligung
Menschen mit Behinderungen sind am Arbeitsmarkt nach wie vor strukturell benachteiligt. Ihre Arbeitslosenquote liegt deutlich über dem Durchschnitt und ihre Beschäftigungschancen sind erheblich geringer. „Dass Menschen mit Behinderungen deutlich stärker von Armut bedroht sind als die Durchschnittsbevölkerung, ist ein klares Alarmsignal: In unserer Gesellschaft haben nicht alle die gleichen Chancen. Die Zahlen und die Erfahrungen Betroffener zeigen deutlich, dass Österreich im Sinne der Menschenrechte noch erhebliche Anstrengungen unternehmen muss, um einen wirklich inklusiven Arbeitsmarkt zu schaffen", betont Anna Parr, Generalsekretärin der Caritas Österreich.
Deshalb fordert das Bündnis stabile Finanzierungen, einen gesicherten Ausgleichstaxfonds, gleiche Chancen für alle und inklusive Bildung und Ausbildung als Fundament. Die Forderungen wurden am 5. Mai 2026 an die Bundesregierung gestellt.
Gemeinsam für Inklusion
Unter dem Dach des neuen Bündnisses vereinen sich Organisationen und Dachverbände wie Caritas Österreich, Dachverband Berufliche Inklusion-Austria (dabei-austria), Diakonie Österreich, KOBV Österreich, Lebenshilfe Österreich, ÖZIV und Zero Project mit Unternehmen – Großkonzerne, KMUs und kleine Betriebe – wie Betonwerk Jungwirth, IKEA Österreich, Interspar, Kapsch TrafficCom, Post AG, Primark, Sedlak Bau, Stimpfl Textil Care, tristar Hotels, MyAbility, Responsible Annotation, REWE Group, UNIQA, Wesenufer Hotel und Würth Hochenburger.
© Bündnis Chancenreich / © Lebenshilfe Tirol
WISSENSWERT
„Bündnis für Inklusion am Arbeitsmarkt – Chancenreich“
Auf der Webseite Chancenreich finden Sie positive Beispiele, Lebensgeschichten und Videos,
sowie mehr Informationen zum Bündnis und den Forderungen.
Die Forderungen im Detail
- Stabil finanzieren statt kürzen.
Berufliche Inklusion braucht eine verlässliche, von Konjunkturschwankungen unabhängige Finanzierung. Kürzungen bei Programmen zur Qualifizierung, Vermittlung und Begleitung von Menschen mit Behinderung sind teuer, weil sie Arbeitslosigkeit, Armutsrisiken und Folgekosten erhöhen - Ausgleichstaxfonds sichern.
Der Ausgleichstaxfonds (ATF) ist ein zentrales Instrument zur Finanzierung beruflicher Inklusion und beruflicher Assistenz am Arbeitsplatz. Er muss langfristig abgesichert und ausreichend dotiert sein. - Gleiche Chancen für alle.
Viele Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf arbeiten heute nur für ein Taschengeld und haben kaum Zugang zu regulärer Beschäftigung. Nur in vier Bundesländern gibt es Angebote zur beruflichen Inklusion für diese Gruppe. Diese Angebote müssen überall im Land zur Verfügung stehen. Auch brauchen diese Menschen ein Rückkehrrecht in Tagesstrukturen, damit Arbeitsversuche und Übergänge in bezahlte Beschäftigung ohne Existenzangst möglich sind. - Inklusive Bildung und Ausbildung als Fundament.
Eine inklusive Schule und Berufsausbildung ist die Grundlage für spätere Teilhabe am Arbeitsleben. Fehlende Ressourcen, unzureichender Zugang zu Schulassistenz und Ausgrenzung erschweren den späteren Einstieg in die Erwerbsarbeit. Es braucht eine politische Schwerpunktsetzung auf inklusive Bildung und Berufsausbildung.