Dina Theresia Rahman
© alexlangphoto
Neben der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) fristete die Traditionelle Europäische Medizin (TEM) in der öffentlichen Wahrnehmung lange Zeit eher ein Schattendasein. Inzwischen wurde das jahrhundertealte Heilwissen des westlichen Kulturkreises wiederentdeckt und gewinnt immer mehr an Bedeutung. Dabei werden Kneippen, Klostermedizin oder Pflanzenheilkunde nicht nur als alternative Heilmethode eingesetzt, sondern auch vermehrt als wertvolle Ergänzung zur konventionellen Medizin – und nicht zuletzt als effektives Instrument, um Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen. Stichwort: Prävention.
Dina Theresia Rahman ist Pharmazeutin in Graz und Expertin für alternative Heilmethoden, darunter TCM und TEM. Im Interview gibt sie Einblicke in die Kraft der Traditionellen Europäischen Heilkunde und erklärt, warum der Gesundheitszustand immer ein Spiegelbild der Seele ist.
YAvida: Was macht die TEM aus?
Dina Theresia Rahman: Viele wissen nicht, dass die Ursprünge der TEM mindestens so weit zurückliegen wie bei der TCM. Früher sprach man von 3.000 Jahren – neue Untersuchungen an der Eismumie „Ötzi“ zeigen jedoch, dass er schon vor 5.000 Jahren mit Akupunktur behandelt wurde. Die genadelten Punkte entsprechen den heutigen Reflexpunkten der TEM. In ihren Methoden ist die TEM breit gefächert, von Homöopathie über Phytotherapie bis hin zur Humorallehre als Basis, auch Vier-Säfte-Lehre genannt. Sie unterscheidet die vier Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle), die wiederum mit den vier Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft und vier menschlichen Temperamenten in Verbindung gebracht werden: Sanguiniker, Phlegmatiker, Melancholiker und Choleriker.
Dina Theresia Rahman
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Im Vergleich dazu sind es bei der TCM fünf Elemente.
Genau, da sind es die Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Im Grunde genommen haben aber alle traditionellen Heilmethoden eines gemein: Sie betrachten den Menschen stets als Ganzes. In der Humorallehre ist der Mensch demnach gesund, wenn alle vier Säfte ausgeglichen und wir in Balance sind. Gerät eine der vier Säulen aus dem Gleichgewicht, beeinflusst das auch alle anderen Komponenten. Bei der TEM wird stets die Grundkonstitution des Menschen berücksichtigt – sprich, auch die seelische Komponente. Um die Gesundheit eines Menschen beurteilen zu können, sollte man ihn als Ganzes und mit allen Sinnen wahrnehmen: Wie geht er, wie spricht er, wie viel gibt er von sich preis, wie ist seine Vergangenheit? Sogar die Art und Intensität eines Handschlags spiegelt den Energiezustand einer Person wider. Für unsere Vorfahren war es in der Medizin normal, den Menschen als Ganzes zu betrachten und wahrzunehmen, ob er eher künstlerisch, flatterhaft, in den Lüften oder geerdet ist. In der TEM wird stets auf individuelle Eigenschaften und Lebens umstände einer Person eingegangen und darauf geachtet, wie der Körper damit in Resonanz geht.
„Wird die Natur geschützt, so ist sie es selbst, die alle Krankheiten heilt, denn sie weiß, wie sie heilen soll.“
Heilmethoden wie die TEM fokussieren generell weniger auf Krankheiten als auf den Erhalt der Gesundheit. Was können wir davon lernen?
Traditionelle Heilmethoden setzen stark auf Eigenverantwortung. Etwas, das angesichts der Probleme unseres Gesundheitssystems immer mehr an Bedeutung gewinnt. Denn wer Verantwortung für seine Gesundheit übernimmt, betreibt automatisch Prävention. Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass unser Körper das Spiegelbild unserer Seele ist und dass Krankheiten bzw. Symptome ein Ungleichgewicht aufzeigen. Unser Körper gibt uns ständig Signale – wir sollten lernen, aufmerksam zuzuhören. Auch unser Lebensstil trägt mehr zu unserer Gesundheit bei, als vielen bewusst ist. Dazu zählt, ob wir etwas von Herzen gerne machen oder ob uns unser tägliches Tun belastet, sprich krank macht. Hier können wir viel von ärmeren Gegenden lernen, wo Menschen noch mehr mit dem Herzen als mit dem Verstand leben.
WISSENSWERT
Die TEM ist stark in der europäischen Geschichte und Kultur verankert. Ihre Wurzeln liegen in der ägyptischen, keltischen und griechischen Medizin. Bekannte TEM- Vertreter sind Paracelsus, Samuel Hahneman, Rudolf Steiner (Anthroposophische Medizin) und Sebastian Kneipp.
TEM-Methoden umfassen u. a. die Klostermedizin, Homöopathie, Spagyrik und Kneipp-Medizin. Zu den wesentlichen Elementen der TEM zählt das Einbeziehen persönlicher Lebensumstände und Vorlieben, der körperlichen Konstitution und der Wesensmerkmale eines Menschen, woraus sich die individuelle Behandlung ergibt.