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Wirtschaft
06.11.2025

Die Frau hinter dem Jahr­hundert­projekt

Sie hat den Blick fürs große Ganze und kennt jedes Detail. Christiane Schiavinato be­gleitet als Projekt­leiterin den End­spurt der Koralm­bahn und bereitet sich schon auf wei­tere Bau­aufgaben vor.

Die Interessen der Steirerin waren vielfältig – von Sprachen bis Naturwissenschaften – und sie entschied sich nach der Matura für die größere Herausforderung: ein Studium an der Technischen Universität Graz. Zu dieser Zeit betrug der Frauenanteil in der Fachrichtung zwischen zehn und 20 Prozent. Doch das stellte für sie kein Problem dar, sie fühlte sich sehr wohl in ihrem Studium und hatte auch später in diesem männerdominierten Bereich keine Schwierigkeiten, erzählt Schiavinato.

Zehn Jahre lang arbeitete sie als Statikerin in einem Ziviltechnikbüro, wo sie zum ersten Mal in Kontakt mit der Koralmbahn kam. Sie berechnete Brücken für die neue Strecke. 2012 bewarb sie sich auf eine offene Stelle bei den Österreichischen Bundesbahnen und kam nach Kärnten. Seit Jänner 2024 ist sie als Projektleiterin in der ÖBB Infrastruktur AG auch für das komplette „Jahrhundertprojekt“ Koralmbahn verantwortlich. Sie kennt es gut, hat es zuvor als Bauingenieurin begleitet und konnte bei der Teileröffnung des Abschnitts Kühnsdorf mitfeiern, als dieser Bereich im Dezember 2023 in Betrieb genommen wurde. „Das erste Glückserlebnis“, meint sie lachend.

In ihrer Funktion koordiniert Schiavinato alle Prozesse der Bauprojekte, beginnend bei der ersten Idee, über verschiedene Trassenvarianten, die Planung, die Behördenverfahren und Vergabe der Arbeiten bis hin zum Betriebsbewilligungsbescheid. Wenn sie über diese Tätigkeit spricht, dann immer in der Wir-Form. „Unser Team setzt sich aus 30 Mitgliedern zusammen“, erzählt sie. Jeder hat seinen Teilbereich, bei ihr laufen die Fäden zusammen, sie hat die Koordination auch über die Arbeiten der externen Büros.

„Ich mag die Vielfältigkeit der Arbeit. Ich begleite die Bauprojekte von der ersten Idee bis zur Betriebsbewilligung.“

Christiane Schiavinato

Gesamtkunstwerk

Dass ein solches Jahrhundertprojekt wie die Koralmbahn – eines der größten Bahninfrastrukturprojekte Europas mit einer Länge von 130 Kilometern, davon fast 33 Kilometer durch den sechstlängsten Eisenbahntunnel der Welt – genau in ihre Lebens- und Arbeitszeit fällt, weiß sie sehr zu schätzen. Doch das Gesamtprojekt Koralmbahn umfasst nicht nur die Gleisstrecke von Graz nach Villach, sondern ist der Kern eines komplexen Gesamtkunstwerks im öffentlichen Verkehr Kärntens. Unter anderem müssen die Haltepunkte den neuen Zeiten angepasst werden. So wird derzeit der Bahnhof Villach umgebaut und modernisiert. Die Adaptierung erfolgt bis 2027 in Jahresschritten, Bahnsteig für Bahnsteig, um den laufenden Betrieb möglichst wenig zu beeinträchtigen.

Der Bahnhof Arnoldstein ist ein weiteres Teilprojekt, das 2020 begonnen wurde, und nach der Fertigstellung 2026 als moderne Mobilitätsdrehscheibe eine wichtige Rolle im nationalen und internationalen Zugverkehr spielen wird. Darüber hinaus soll die Infrastruktur mit und auf den Zubringerlinien die Vision verwirklichen, in vielen Bereichen Kärntens möglichst rasch und einfach einen guten Bahnanschluss zur Verfügung zu haben. So steht unter anderem die Verbesserung der Strecke Villach – Spittal an der Drau und auf diesem Abschnitt die Modernisierung des Bahnhofs Rothenthurn auf dem Programm.

„Im Jahr 2027 wird der Kärntner Abschnitt der Tauernschleuse saniert.“

Christiane Schiavinato

Tauernschleuse

Die Koralmbahn ist nicht Schiavinatos erstes Großprojekt, wenn auch das publikumswirksamste. Die Sanierung des ÖBB-Tauerntunnels zwischen Mallnitz und Böckstein, die nach einer achtmonatigen Sperre der Tauernschleuse im Juli abgeschlossen wurde, leitete sie ebenfalls. „Es ist wieder eine ganz andere Herausforderung, mit und in einem 125 Jahre alten Gewölbe zu arbeiten, als ein Neubau mit neuer Trassenführung“, erzählt sie. Hier war der Zeitdruck das Kriterium und es war der Spagat zu schaffen, die Schleuse so kurz wie möglich, aber so lange wie notwendig geschlossen zu halten und die Arbeiten zügig durchzuziehen. Genau diese Vielfältigkeit der verschiedenen Aufgaben schätzt sie an ihrer Arbeit. Eintönig wird es nie, die Aufgaben ändern sich und die Partnerunternehmen, mit denen zusammengearbeitet wird, wechseln. Die Sanierung der Tauernschleuse ist noch nicht zu Ende und sorgt dafür, dass Schiavinato auch nach Beendigung der Koralmstrecke genug zu tun haben wird. Wurde in diesem Jahr die Salzburger Seite als erste Etappe saniert, kommt 2027 der Kärntner Abschnitt dran.

Und das Planungsleben geht auch nach 2027 weiter. Da steht der Umbau der Bahnhöfe im Gasteinertal auf dem Programm. Wieder eine neue Aufgabe, an die Schiavinato mit gewohnter Begeisterung herangehen wird. Die Frage, die zwar einem Vater nie, aber einer Mutter immer gestellt wird, wie sich vier Kinder – sie sind heute sieben, 16, 18 und 21 Jahre alt – mit ihrer Arbeit vereinbaren lassen und ließen, beantwortet sie lachend: „Mein Mann sagt immer, über mich steht nie was in den Zeitungsartikeln.“ Doch ohne seine Unterstützung wäre eine solche Karriere nicht möglich.

Mit Ende 2023 wurde die Jauntalbrücke, eine der höchsten Eisenbahnbrücken Europas, auf der Koralmbahn in Kärnten nach zweijähriger Modernisierungsphase in Betrieb genommen. © ÖBB

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