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Leben
08.04.2026

Die neue Nachbarschaft

Seit der Eröffnung der Koralm­bahn sind sich Kärnten und die Steier­mark so nahe wie nie zuvor. Ein Einblick in den verän­derten Mobilitäts­alltag Süd­österreichs.

Nur knapp über 40 Minuten liegen nun zwischen Graz und Klagenfurt. Ein Satz, der sich anders liest, wenn man die Strecke selbst zurückgelegt hat. Bei der ersten Fahrt hat es etwas Unwirkliches: Gerade noch in Klagenfurt Hauptbahnhof, zieht Unterkärnten schon in ungewohnter Geschwindigkeit vorbei, die schneebedeckte Petzen taucht auf, schließlich ein noch größeres Massiv: die Koralpe. Kaum hat der Zug den Bahnhof St. Paul passiert, wird es schwarz. Mit bis zu 250 km/h donnert die Bahn durch den Koralmtunnel, in nur 10 Minuten werden die rund 33 Kilometer, die fast 30 Jahre Vorarbeit und 5,9 Milliarden Euro gekostet haben, zurückgelegt. Überraschend bald wird es wieder hell. Das Licht am Ende des Tunnels: die Steiermark. Eine Viertelstunde später rollt der Zug im Grazer Hauptbahnhof ein.

U-Bahn der anderen Art

35 Minuten fahren Reisende nun von St. Paul im Lavanttal bis Graz Hauptbahnhof. 34 Minuten benötigt die Wiener U6, um Fahrgäste von Siebenhirten im Süden der Stadt bis Floridsdorf im Norden zu transportieren. Eine Dreiviertelstunde für einen Weg zu brauchen, ist in der Großstadt keine Seltenheit. Durch die neue Verbindung gelten für Graz und Klagenfurt – trotz der trennenden Wirkung von 100 Kilometern Luftlinie und einem bis zu 2.140 Meter hohen Bergmassiv – nun ähnliche Maßstäbe. Auch im europäischen Kontext spielt die neue Bahnstrecke eine wichtige Rolle, schließt sie doch die Baltisch-Adriatische Achse, welche die Ostsee (Danzig und Stettin) mit der Adria (Triest, Venedig und Koper) verbindet.

Für Südösterreicher:innen bedeutet das nicht zuletzt: Tägliche Direktverbindungen in Städte wie Prag, Triest oder Venedig. Für den Joanneum Research-Experten Eric Kirschner ist die Koralmbahn das größte sozialökonomische Experiment in Österreich seit 1854, als die Bahnstrecke über den Semmering eröffnet wurde. Joanneum-Studien stellen der Region Südösterreich nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch positive Auswirkungen auf regionale Bevölkerungsentwicklung und Arbeitsmarkt in Aussicht. Der demographische Wandel ist in vielen Bereichen Kärntens und der Steiermark deutlich zu spüren – insbesondere ländliche Bezirke wie Völkermarkt, Wolfsberg oder Deutschlandsberg sind von einem negativen Trend betroffen.

Durch die schnellere Verbindung wachsen die Steiermark und Kärnten zu einem gemeinsamen Lebens- und Wirtschaftsraum zusammen, so die Prognose – die neue Metropolregion Graz-Klagenfurt-Villach zählt insgesamt rund 1,1 Millionen Einwohner:innen. Eine Entwicklung, von der auch die ländlichen Bezirke entlang der Koralmbahn profitieren könnten.

„Wenn zwei Regionen durch Mobilität stärker verbunden sind, differenzieren sie sich in der Regel weiter aus.“

Max-Peter Menzel, Institutsvorstand für Geographie und Regionalentwicklung an der AAU

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Gut Ding braucht Weile

Bevor eine solche positive Wirkung allerdings messbar wird, könnte durchaus noch etwas Zeit vergehen. „Die Menschen werden ihren Job nicht wegen der Koralmbahn wechseln. Effekte wie eine Verlagerung des Lebensmittelpunkts sind langfristige Prozesse – so etwas wird erst nach Jahren bis Jahrzehnten wirklich spürbar, weil sich Strukturen oft sehr langsam anpassen“, erklärt Max-Peter Menzel, Institutsvorstand für Geographie und Regionalentwicklung an der Universität Klagenfurt. Nichtsdestotrotz ist das Potenzial der neuen Infrastruktur auch für ihn unbestritten: „Der Aktionsradius vergrößert sich durch die Koralmbahn deutlich – und damit der Zugang zu Arbeitsstellen, aber auch Freizeit-, Einkaufs- oder Erholungsmöglichkeiten“, so der Wirtschaftsgeograph.

Das sei nicht zuletzt für hochqualifizierte Arbeitnehmer:innen und Fachkräfte wichtig – etwa wenn in einer Beziehung beide Partner einen Job in derselben Region finden wollen, so Menzel. Gleichzeitig werde es auch für die Unternehmen leichter, passende Fachkräfte zu finden. Durch die Ansiedlung von Fachkräften und hochqualifizierten Arbeitnehmer:innen könnten alle Standorte entlang der Bahnstrecke profitieren, die Innovationskraft im Süden könnte nachhaltig steigen. Zu erwarten sei außerdem eine regionale Spezialisierung, bei Institutionen oder Universitäten ebenso wie in der freien Wirtschaft: „Wenn zwei Regionen durch Mobilität stärker verbunden sind, differenzieren sie sich in der Regel weiter aus – das bedeutet, dass man sich auf das konzentriert, was schon jetzt gut funktioniert, und versucht, darin immer besser zu werden“, so Menzel.

„Der Knackpunkt ist und bleibt die letzte und erste Meile.“

Sabine Bauer, Assistentin am Zentrum für aktive Mobilität und Institut für Städtebau der TU Graz

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Mehr als nur ein Zug

Was sich in Sachen Zusammenwachsen schon jetzt abzeichnet, ist eine Art regionsübergreifende Neugier. Besonders in den ersten Tagen und Wochen nach der Eröffnung bestand großes Interesse an der neuen Verkehrsverbindung. Viele planen zudem, die neuen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung bald zu nutzen: Ob zum Feiern nach Graz oder zum Baden an den Wörthersee, ob zum Städtebummel in die Steiermark oder auf einen Kaffee nach Kärnten. Mit der Westbahn betritt ab März 2026 ein neuer Player die Schienen der Südstrecke, Tickets könnten günstiger, die Hemmschwelle für die Bahnnutzung gesenkt werden.

Zentral dabei bleibt: Wie kommen Reisende zum Bahnhof, und von dort in die Stadt? „Der Knackpunkt ist und bleibt die letzte und erste Meile – insbesondere für die kleineren Bahnhöfe entlang der Strecke“, betont Sabine Bauer, Assistentin am Institut für Städtebau der TU Graz und am interuniversitären Zentrum für Aktive Mobilität. Hier könnten angepasste Mikro-ÖV-Lösungen dazu beitragen, dass die Koralmbahn ihre Wirkung bestmöglich entfalten kann. Doch auch die Bahnhofsumgebung spielt Bauer zufolge eine entscheidende Rolle: Wie ist der öffentliche Raum gestaltet? Lässt er eine intuitive Orientierung zu? Welche Qualitäten bietet er für das Zufußgehen, Radfahren und Verweilen? „Ein gut lesbarer und intuitiv verständlicher Raum ist auch für Leute, die ihn täglich nutzen von Vorteil“, erklärt Bauer. „Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass ein öffenlicher Raum, der zum Aufenthalt und zur Nutzung aktiver Mobilität einlädt, sehr stark zur Lebensqualität vor Ort beitragen kann.“ Auch aus dieser Perspektive betrachtet ist der Koralmbahn-Effekt also ein doppelt positiver: Einerseits, indem die Bahn den Aktionsradius der Menschen in Südösterreich vergrößert; andererseits, indem sie als Impulsgeberin für Umgestaltung, flexible Mobilitätslösungen und nachhaltige Siedlungsentwicklung wirkt.

Die entstandenen Möglichkeiten optimal zu nutzen ist nun Aufgabe der Politik auf Landes- und Gemeindeebene, der Stadt-, Raum- und Verkehrsplanung; es ist aber auch Sache der Unternehmen und Führungskräfte, der Stakeholder, Forschungs- und Bildungsinstitutionen, der Medien; und nicht zuletzt aller Individuen, die sich den neu verbundenen Lebensraum teilen. Der Zug steht bereit, man müsste nur einsteigen – knapp über 40 Minuten liegen nun zwischen Klagenfurt und Graz.

WISSENSWERT

Die Strecke Klagenfurt-Graz wird aktuell (Feber 2026) 29-mal täglich bedient, ab März bietet die Westbahn bis zu fünf weitere Verbindungen an. Die Fahrtzeit beträgt, je nach Geschwindigkeit und Zwischenhalten, 41 bis 55 Minuten.

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