„Wenn wir lange genug beschwindelt werden, weisen wir jeden Zweifel daran zurück, dass wir hereingelegt worden sind. “
Die Wahrheit ist schwer zu ertragen, weil sie Illusionen zerstören kann
Wie war das doch gleich? Vor der Nationalratswahl im September 2024 war es nicht möglich, den Schuldenstand von Österreich festzustellen, erst kurz danach. Wie war das mit der Invasion der USA unter Präsident George W. Bush in den Irak 2003 als „Reaktion“ auf die Terroranschläge am 11. September 2001?
Die Lüge ist in unserer Zeit omnipräsent.
Man kann sich nur wundern, was die Menschen alles glauben. Im Netz ist eine Parabel eines unbekannten Verfassers zu finden: „Da treffen sich eines Tages die Wahrheit und die Lüge. Die Lüge sagt zur Wahrheit: ,Heute ist ein schöner Tag!‘ Die Wahrheit schaut zum Himmel – es war wirklich ein schöner Tag. Sie verbringen viel Zeit miteinander und kommen schließlich an einen Brunnen. Die Lüge sagt zur Wahrheit: ,Das Wasser ist sehr schön, lass uns zusammen baden!‘ Die Wahrheit, etwas misstrauisch, fühlt das Wasser und stellt fest, dass es wirklich sehr angenehm war. Sie ziehen sich aus und beginnen zu baden. Plötzlich steigt die Lüge aus dem Wasser, zieht die Kleider der Wahrheit an und rennt davon. Die Wahrheit kommt wütend aus dem Brunnen und rennt umher, um die Lüge zu finden und ihre Kleider wieder zu bekommen. Die Welt, die die Wahrheit nackt sieht, wendet ihren Blick mit Verachtung ab. Die arme Wahrheit kehrt zum Brunnen zurück und verschwindet für immer, um ihre Schande zu verbergen. Seitdem reist die Lüge als Wahrheit verkleidet um die Welt und befriedigt die Bedürfnisse der Gesellschaft, denn die Welt hat keine Lust, der nackten Wahrheit zu begegnen.“
Interessant die Erkenntnis von Carl Edward Sagan (1934–1996), ein US-amerikanischer Astronom, Astrophysiker, Exobiologe, Fernsehmoderator, Sachbuchautor und Schriftsteller, zum Thema Wahrheit: „Wenn wir lange genug beschwindelt werden, weisen wir jeden Zweifel daran zurück, dass wir hereingelegt worden sind. Wir sind nicht mehr daran interessiert, die Wahrheit herauszufinden. Die Schwindelei hat uns eingefangen. Es ist einfach zu schmerzhaft einzugestehen – auch uns selbst –, dass wir hereingelegt worden sind. Wenn du einmal einem Scharlatan Macht über dich gegeben hast, bekommst du sie nie wieder zurück.“
Da hatte der britische Polarforscher Ernest Shackleton, der für seine Antarktis-Expedition eine Crew für sein Schiff „Endurance“ suchte, der Wahrheit die Ehre gegeben. Auf seine Stellenanzeige in der „Times“ haben sich viele Menschen gemeldet: „Männer gesucht für gefährliche Reise. Geringer Lohn, bittere Kälte, lange Monate in vollständiger Dunkelheit, konstante Gefahr, sichere Rückkehr zweifelhaft. Ehre und Anerkennung im Erfolgsfall.“ 1914 brach Shackleton mit seinen Männern in die Antarktis auf. Das Schiff wurde von Eis umschlossen und sank. Die Crew wurde gerettet.
Freiheit und Wahrheit
Freiheit und Wahrheit sind untrennbar miteinander verbunden. Friedrich Nietzsche (1844–1900) wird folgender Satz zugeschrieben: „Manchmal wollen die Menschen die Wahrheit nicht hören, weil sie nicht wollen, dass ihre Illusionen zerstört werden.“ Niemand auf dieser Welt ist im Besitz der einzigen Wahrheit. Obwohl wir glauben, vielleicht sogar überzeugt sind, bestens informiert zu sein, wissen wir nur das, was man uns wissen lässt. Was würde aber passieren, wenn wir all das weglassen, was uns von außen eingepflanzt wurde und wird: Religion, Politik, Weltbild? Ideologien lenken uns, ohne dass wir es merken. Eine Veränderung ist meist nicht bequem, aber notwendig.