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Leben
16.11.2025

Digital Detox: Ausschalten zum Abschalten

Immer online, aber nie wirk­lich bei uns selbst: Wie das Smart­phone unse­ren Alltag diktiert und wie wir Wege aus der digi­talen Dauer­schleife finden.

Das Summen in der Tasche, ein leises „Pling“, das Aufleuchten des Displays im Dunkeln – kaum etwas reißt uns so zuverlässig aus dem Moment, fordert unsere Aufmerksamkeit so permanent ein wie das Smartphone. Mobilgeräte sind längst kein reines Werkzeug mehr – vielmehr sind sie zum Taktgeber unseres Alltags geworden.

In Symbiose mit dem Screen

Eine aktuelle Studie unter Smartphone-Nutzer:innen in Österreich zeigt: Im Schnitt greifen wir rund 36-mal täglich zum Handy. Fast ein Drittel verbringt sogar mindestens vier Stunden pro Tag damit. Mehr als ein Viertel der 14- bis 29-Jährigen hat das Gerät täglich mehr als fünf Stunden in Verwendung. Selbst wenn viele Menschen den digitalen Konsum zunehmend kritisch sehen und fast zwei Drittel diesen künftig einschränken möchten, zeigen die Umfrageergebnisse: Viele leben in Symbiose mit dem Bildschirm. Selbst jene, die bewusst mit Bildschirmzeit umgehen, tappen hin und wieder in die Scrolling-Falle – und schon werden aus Sekunden ungewollt Minuten und aus Minuten Stunden. Obwohl man oft längst spürt: Mit der digitalen Nähe schaffen wir Distanz zu uns selbst. (Quelle: deloitte.com)

Nervensystem in Hoch­spannung

Die Gründe dafür sind mannigfaltig: Indem wir permanent online sind, zerreißen wir unter anderem unseren inneren Rhythmus, erklärt Gudrun Umbauer, Gründerin des Instituts für Gesundheit & Entwicklung in Graz und Judenburg. „Anstatt Winter, Frühling, Sommer, Herbst im Inneren zu erleben, gibt es nur einen endlosen ,Sommer‘ der Reize – weil wir andauernd im Außen, sprich im Reizmodus verharren.“ Diese „inneren Jahreszeiten“ beim Menschen bezeichnen die körperlichen und psychischen Veränderungen im Laufe des Lebens, die sich im Einklang mit den externen Jahreszeiten verändern und oft mit dem weiblichen Menstruationszyklus verglichen werden: Dabei steht der Frühling für Neubeginn und steigende Energie, der Sommer für Aktivität und Fruchtbarkeit, der Herbst für einen Rückzug und die Vorbereitung auf Ruhe, und der Winter für Ruhe und Regeneration.

Regeneration, die wir unserem Körper oft nicht geben, denn: „Permanente Bildschirmnutzung versetzt unser Nervensystem in Alarmzustand, hält den Sympathikus und den Dopaminspiegel hoch. Das führt auf Dauer zu Schlafproblemen, Nervosität und Erschöpfung”, so Umbauer. „Ständiges Scrollen am Smartphone fragmentiert außerdem: Weil man dabei im ständigen ,Nächsten‘ gefangen ist, verliert man die zyklische Tiefe der eigenen Seele. Zusätzlich erfolgt eine Trennung vom Körper: Online-Sein ist kopflastig, sprich, der Körper wird übergangen – so lange, bis er sich irgendwann mit Symptomen bemerkbar macht.“

„Permanente Bildschirmnutzung versetzt unser Nervensystem in Alarmzustand, hält den Sympathikus und den Dopaminspiegel hoch. Das führt auf Dauer zu Schlafproblemen, Nervosität und Erschöpfung.“

Gudrun Umbauer

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Flugmodus für die Seele

Für viele ist vor allem das Smartphone bereits zum konstanten Begleiter von früh bis spät geworden – so dass es unglaublich schwerfällt, sich davon zu trennen. Wie es trotzdem gelingen kann, digitale Pausen in den Alltag zu integrieren bzw. sogar zur Gewohnheit werden zu lassen? Die Gesundheitsexpertin hat dafür folgende Tipps parat:

  • Automatisches Ein- & Ausschalten
    Feste Zeiten einrichten, zu denen das Smartphone automatisch in den Ruhemodus geht – zum Beispiel nachts oder während der „inneren Winterzeiten“. Damit übergibt man die Verantwortung an die Technik, statt selbst ständig kämpfen zu müssen. Das Nervensystem darf lernen: Es gibt Momente ohne Reize – und diese sind sicher. Um nicht auf das Handy als Wecker im Schlafzimmer angewiesen zu sein, empfiehlt sich ein Lichtwecker, der den Tag-Nacht-Rhythmus simuliert und ein natürliches Aufwachen unterstützt.

  • Stressregulation bewusst erforschen
    Vor allem für analytische Typen eignen sich Gadgets, um zu beobachten, wie sich der Körper bei Bildschirmnutzung bzw. in Online-Phasen verhält (zum Beispiel Stress-Tracker oder HRV-Messung). Dabei wird erfahrbar: Langeweile entspannt das Nervensystem. Es hilft, den Prozess spielerisch zu betrachten: sich Schritt für Schritt mit einem ruhigeren, manchmal fast „langweiligen“ Leben anzufreunden – und darin neue Freiheit zu entdecken.

  • Ohne Smartphone unterwegs
    Simpel, aber effektiv: Öfters ganz bewusst ohne Mobiltelefon außer Haus gehen oder es einfach einmal im Auto lassen – sei es beim Spazierengehen, bei einem Treffen mit Freunden oder bei einem Besuch im Café. Dabei nachspüren, wie sich der Raum verändert, wenn man voll präsent ist – ohne ständige Erreichbarkeit.

„Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie anderswo zu suchen.”

François de La Rochefoucauld

ZUR PERSON

Gudrun Umbauer ist Bewusstseinstherapeutin, Unternehmensberaterin im Bereich Stressmanagement und Gründerin des Instituts für Gesundheit & Entwicklung in Graz und Judenburg sowie des Vereins für Selfempowerment & Souveränität.

Mehr Infos: deinegesundheit.at

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