© Erich Varh
Wirtschaft
09.07.2025

Ein neues Leistungs­verständnis für eine gerech­tere Gesell­schaft

Leistung ist ein breit definierter Begriff, unter­schie­dlich inter­pre­tierbar, aber jeden­falls keine Ein­bahn­straße. *Anzeige*

Die Forderung nach mehr Leistung und höherer Leistungsbereitschaft wird immer wieder laut – allerdings fast ausschließlich in Richtung der arbeitenden Bevölkerung. Doch ist es wirklich gerecht, den Begriff der Leistung so eindimensional zu betrachten?

 

Leistung darf keine Einbahn­straße sein

Leistung kann und darf nicht nur bedeuten, dass Arbeitnehmer:innen – unabhängig, ob schon aktiv oder wie unsere Kinder und Jugendlichen erst vor dem Eintritt in die Arbeitswelt stehend – immer mehr geben müssen, sei es durch längere Arbeitszeiten, größere Flexibilität oder eine schier grenzenlose Verfügbarkeit. Wer über mehr Leistungsbereitschaft spricht, wer fordert, dass Beschäftigte flexibler, belastbarer und leistungsfähiger sein sollen, muss auch bereit sein, über die erwartete Leistung jener zu diskutieren, die von den erbrachten Arbeitsleistungen profitieren: Unternehmen, Aufsichtsräte, Wirtschaftstreibende, Industrie. Wer über Leistung spricht, muss auch darüber reden, ob Unternehmensverantwortliche auch bereit sind, in ihren Zuständigkeiten erweiterte Leistungen einzubringen – zum Beispiel faire Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und eine gerechte Verteilung des Wohlstands.

Es wäre zudem an der Zeit, sich ehrlich mit der Frage auseinanderzusetzen: Wer gibt und wer nimmt hier eigentlich? Die Begriffe „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ sind in ihrer gängigen Verwendung nicht nur irreführend, sondern eine regelrechte Bedeutungsumkehr. Eine ehrliche Diskussion über Leistung sollte auch den Mut haben, über ein neues Bewusstsein und das dafür nötige Selbstbewusstsein auf beiden Seiten zu sprechen.

„Eine ehrliche Diskussion über Leistung sollte auch den Mut haben, über ein neues Bewusstsein und das dafür nötige Selbstbewusstsein auf beiden Seiten zu sprechen.“

Peter Kaiser

Die unsichtbare Leistungs­gesellschaft

Noch problematischer ist, dass eine ganze Gruppe von Leistungserbringer:innen in der aktuellen Diskussion völlig ausgeblendet wird: Jene Menschen, die täglich unbezahlte Arbeit leisten. Ob in Blaulichtorganisationen, in Sport- und Kulturvereinen oder im sozialen Ehrenamt – Millionen von Menschen investieren ihre Zeit, ihre Energie und ihre Fähigkeiten, ohne dafür finanziellen Ausgleich zu erhalten. Ihre Leistung ist für unsere Gesellschaft und damit auch für Wirtschaft und Industrie unverzichtbar. In unserer Gesellschaft wird der Arbeitsbegriff jedoch nahezu ausschließlich auf „Erwerbs- und oder Lohnarbeit“ beschränkt. Arbeit ist aber mehr, wie es die bereits angeführte Ehrenamtlichkeit, Freiwilligkeit und gesellschaftliches Engagement nachhaltig beweisen.

Ein Plädoyer für Fairness und Gerechtigkeit Leistung darf kein einseitiges Konzept sein. Es ist höchst an der Zeit, den Leistungsbegriff von Grund auf kritisch zu hinterfragen und gerechter zu definieren – für eine Gesellschaft, die Leistung in all ihren Formen wertschätzt und auch deren Nutznießer ist.

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