„Mein Vater und ich repräsentieren zwei völlig unterschiedliche Generationen: er Techniker, ich Wirtschafterin.“
Erfolgsgeschichten in neuen Händen
Erfolgreiche Betriebsübergaben sind für die wirtschaftliche Stabilität und den Erhalt von Arbeitsplätzen wichtiger denn je. Pro Jahr gehen rund 6.000 Unternehmen in Österreich in neue Hände über. Allein in Kärnten stehen jährlich etwa 450 Betriebe vor einem Eigentümerwechsel, in der Steiermark sind es rund 900. Während die Unternehmensübergabe oft schon frühzeitig geregelt ist, kann sich die Suche nach einer passenden Nachfolge auch über Jahre erstrecken. Unabhängig davon, ob die Übergabe innerhalb der Familie oder extern erfolgt, gilt: Wer sein unternehmerisches Lebenswerk rechtzeitig in verantwortungsvolle Hände legt, schafft die Basis dafür, dass Erfolgsgeschichten weitergetragen werden. advantage rückt zwei gelungene Nachfolgebeispiele aus Südösterreich in den Fokus.
Geschmiedet über Generationen
Das im Lavanttal ansässige Himmelberger Zeughammerwerk Leonhard Müller & Söhne blickt auf eine mehr als 350-jährige Unternehmensgeschichte zurück – und ist damit das älteste noch existierende familieneigene Hammerwerk Europas. Seit 2024 tragen Lisa-Marie Müller und ihr Vater Wolfgang die Verantwortung für den Betrieb gemeinsam. „Früher gab es drei Geschäftsführer – im Laufe der Zeit sind die Cousins meines Vaters ausgeschieden und er hätte das Unternehmen alleine weiterführen müssen. Da er kurz vor der Pension steht, war eine Nachfolge dringend notwendig. Für mich war klar: Den Betrieb in externe Hände zu geben, kam nie in Frage. Ich bin praktisch im Unternehmen aufgewachsen, schon mit zwei Jahren durfte ich auf dem Stapler mitfahren und seit 2012 arbeite ich aktiv mit. Mein Herz schlägt für diese Firma“, erzählt Müller, die das Hammerwerk als erste Frau in der Unternehmensgeschichte weiterführen wird.
Dabei galt es auch Hürden zu nehmen: „Die größte Herausforderung war, mich als Frau in einem stark männerdominierten Bereich zu behaupten. Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter – ich musste mir meinen Respekt hart erkämpfen, immer wieder zeigen, wozu ich fähig bin. Ich habe eine dicke Haut entwickelt und gebe jeden Tag 150 Prozent.“ Auch die Zusammenarbeit mit ihrem Vater sei oft herausfordernd gewesen. „Wir repräsentieren zwei völlig unterschiedliche Generationen: er Techniker, ich Wirtschafterin. Hinzu kommt die VaterTochter-Dynamik – er musste lernen, mich auch als Geschäftspartnerin zu sehen. Was uns zusammenhielt, war stets der Gedanke, dass wir alles für das Wohl der Firma und unseres Teams tun.“
Vertrauen als tragende Säule
Als essenziell für eine erfolgreiche gemeinsame Betriebsführung sieht Müller klare, gemeinsam definierte Ziele – und vor allem deren konsequente Umsetzung. Der Erfolg des Unternehmens, ein harmonisches Miteinander und die Wertschätzung der Mitarbeitenden müssten dabei jederzeit im Mittelpunkt stehen. Unerlässlich seien auch ein ausgeprägter Teamgedanke und ein respektvolles Miteinander. „Alleingänge funktionieren nicht”, ist Müller überzeugt. Regelmäßige Jours fixes und laufender Austausch tragen dazu bei, dass jede:r den eigenen Verantwortungsbereich gut wahrnehmen kann und zugleich über alle wichtigen Themen informiert bleibt. Vertrauen sei die tragende Basis der Zusammenarbeit, um eine gemeinsame Führung auch in anspruchsvollen Zeiten zu ermöglichen – und nicht zuletzt nachhaltig.
„Unser Ziel ist es, das Unternehmen weiterhin so erfolgreich zu leiten, dass das 400-jährige Jubiläum der Firma Müller gefeiert werden kann, im besten Fall bin ich auch Teil davon“, so die Geschäftsführerin. Neben technischen Optimierungen in der Produktion steht für die Zukunft die Erschließung neuer Märkte auf der Agenda. Ein weiterer Schwerpunkt: „Die Revitalisierung unseres Kraftwerks, um verstärkt Eigenstrom zu erzeugen und das Thema Nachhaltigkeit noch stärker in den Fokus zu rücken. Dabei geht es nicht allein um Effizienz, sondern vor allem um Verantwortung – gegenüber unserer Umwelt, unseren Mitarbeiter:innen und unseren Kund:innen.“
Admonts süßes Erbe
Ein weiteres Exempel einer erfolgreichen Betriebsnachfolge liefern Birgit Blamauer und Anita Reichenfelser: Seit rund zwei Jahren führen sie gemeinsam die Café Konditorei Stockhammer in Admont. Mit der Übernahme des Traditionsbetriebes sicherten sie sich den steirischen FollowMe-Award 2025 in der Kategorie „Familienexterne Nachfolge“. Reichenfelser kennt die Backstube seit 30 Jahren, hat das Handwerk noch beim Gründer der Konditorei gelernt. Als der Verkauf im Raum stand, war klar: Lieber selbst weitermachen, als die Zukunft des Unternehmens in fremde Hände zu legen. Auch Blamauer ist schon seit zwei Jahrzehnten Teil des Teams. Nach einer Familienpause kehrte sie in den Betrieb zurück und kümmert sich heute um Café und Service.
In Admont ist die Konditorei Stockhammer eine Institution, die seit Jahrzehnten für Beständigkeit und Qualität steht – sowohl bei Einheimischen als auch bei Tourist:innen. Für die Nachfolgerinnen stand außer Zweifel: Einen solchen Betrieb übernimmt man nicht einfach nebenbei. Reichenfelser musste sich neben der Backstube auch in Buchhaltung und Verkauf einarbeiten. „Das war neu, aber lernen kann man alles“, sagt sie mittlerweile. Blamauer weiß, dass vertraute Abläufe ein anderes Gewicht bekommen, sobald man selbst die Verantwortung trägt. Mit 13 Mitarbeiter:innen in der Sommersaison, zahlreichen Teilzeitkräften und wechselnden Wochenenddiensten war Organisation gefragt – doch das Team fand rasch einen gemeinsamen Rhythmus.
„Am Anfang dachte ich, Verantwortung macht schwer. Heute weiß ich: Sie gibt auch Freiheit.“
Führung als Teamarbeit
Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Übergabeprozess? „Am Anfang dachte ich, Verantwortung macht schwer. Heute weiß ich: Sie gibt auch Freiheit. Unternehmerin zu sein ist leichter, als ich gedacht habe – vor allem, wenn man’s nicht allein trägt,“ so Reichenfelser. Zu den zentralen Fragen zählten unter anderem: Wie können wir die Qualität halten und gleichzeitig Veränderungen umsetzen? Und wie ein Team führen, mit dem man schon seit Jahrzehnten zusammenarbeitet? Führung sieht das Unternehmerinnen-Duo heute als Teil des Alltags – jedoch nicht in Form von Anweisungen oder Kontrolle, sondern als Teamarbeit mit viel Fröhlichkeit und Humor. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, tägliche kurze Besprechungen halten das Team auf Kurs und gemeinsames Essen ist Pflicht. So entsteht ein Klima, in dem sich alle einbringen können. „Wir mischen uns nicht dauernd ein, sondern vertrauen einander. Und auch dem Team. Genau das macht es leicht“, ist Blamauer überzeugt.
WISSENSWERT
Aktuell befindet sich Österreich in einer massiven Übergabewelle: Im Zeitraum von 2025 bis 2034 gehen 52.500 Betriebe – exklusive EPU – in neue Hände über. Das entspricht knapp 23 Prozent aller Arbeitgeberunternehmen mit rund 705.000 Beschäftigten (Quelle: bmwet.gv.at).
Alle wichtigen Infos zum Thema Betriebsübergabe und -übernahme – inklusive Serviceangebot mit individueller Beratung und Nachfolgebörse bietet die WKO unter www.wko.at/ktn/gruendung/betriebsnachfolge.
1. Seit 2024 führen Wolfgang und Lisa-Marie Müller das familieneigene Hammerwerk gemeinsam. © Himmelberger Zeughammerwerk/Sedin Suljić
2. Birgit Blamauer und Anita Reichenfelser, die Nachfolgerinnen der Konditorei Stockhammer, wurden für ihren Einsatz mit dem FollowMe-Award ausgezeichnet. © Susanne Enzenberger
3. Anita Reichenfelser kennt die Backstube seit 30 Jahren und hat das Handwerk noch beim Gründer gelernt. © Susanne Enzenberger