Univ.-Prof. Martin Wagner, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und Institut für Höhere Studien Wien
© WKK/Schöndorfer
advantage: Vor welchen Herausforderungen steht Europa aktuell und wie könnten diese bewältigt werden?
Martin Wagner: Eines unserer größten Probleme in (Mittel-)Europa ist der demografische Wandel. Mehr räumliche Mobilität der europäischen Arbeitnehmer:innen würde wahrscheinlich in manchen Regionen und Branchen zu einer Abschwächung des Fachkräftemangels beitragen können. Zudem kommt in den letzten Jahren immer wieder die eine oder andere Krise hinzu: Covid, Krieg, Energiekrise, Trump’sche Zollpolitik. Die Unsicherheit ist groß. Gerade deshalb sollten wir in Europa jetzt auf unsere eigenen Möglichkeiten schauen.
Welche Bedeutung hat der europäische Binnenmarkt aus Ihrer Sicht?
Jetzt mehr, denn je zuvor. Österreich hat wie jede offene Volkswirtschaft – sprich: Länder, die stark exportabhängig sind – insgesamt als Volkswirtschaft nur Vorteile von offenen Grenzen. Österreich ist ein Hochlohnland, damit ist Österreich ein Hochkostenland. Um das bleiben zu können, muss Österreich in der Lage sein, immer werthaltigere Güter und Dienstleistungen anzubieten, die auf anderen Märkten auch nachgefragt werden.
Univ.-Prof. Martin Wagner, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und Institut für Höhere Studien Wien
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Wodurch zeichnet sich der Alpen-Adria-Gedanke aus?
Das geht weit über das rein Ökonomische hinaus. Die EU wurde ja gegründet, damit es innerhalb quasi undenkbar ist, dass wir Krieg gegeneinander führen. Wenn man sich die Historie anschaut – Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg und vorher schon alle möglichen Verwirrungen – ist es gerade vor diesem Hintergrund schön zu sehen, dass eine Region wie Alpen-Adria mit so einer belasteten Geschichte eben auch wieder zusammenfindet. Weil im Endeffekt: Ökonomischer Erfolg ist ja kein Selbstzweck, sondern eine wesentliche Grundlage dafür, dass Menschen ein gelungenes, zufriedenes und glückliches Leben führen können.
Welche Rolle spielt in diesem Kontext das transnationale Netzwerk NAAN (New Alpe Adria Network of Chambers)?
Historisch betrachtet ist der Alpen-Adria-Raum eine sehr interessante Region, die von verschiedenen Kulturen und Sprachen geprägt ist. Aufgrund der Diversität besteht die Chance durch stärkere Integration die Potenziale weiter zu heben. Europäisierung zusätzlich zu Globalisierung lautet die Devise. Und wenn das in der NAAN-Region gelingt, dann kann das auch in anderen Regionen mit einer komplexen Gemengelage gelingen.
NAAN hat demnach das Potenzial zu einem Vorzeigebeispiel in Europa zu werden. Ich bin froh, dass gerade hier speziell aus Kärnten so viel Energie in diese vielversprechende Initiative gesteckt wird und ich freue mich, das unterstützen zu dürfen. Das Ziel einer EU-Makroregion ist sehr erstrebenswert, weil es helfen kann weitere Integrationsschritte zu beschleunigen. Als EU-Makroregion, die mehrere Länder umspannt, ist es zudem leichter Förderungen zu bekommen für Projekte, die über Ländergrenzen hinweg gehen. Eigentlich ist es ja erstaunlich, dass fast 70 Jahre nach der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) Förderungen immer noch großteils nach nationalen Grenzen aufgeteilt werden.