„Durch die Koralmbahn wachsen die Regionen näher zusammen, die Wege werden kürzer und das vereinfacht Kooperationen.“
Freie Bahn für die freie Kultur
Das Musil-Haus, die Villa for Forest, das VENTIL, das Urban Lab, der Lendhafen, die Hafenstadt – diese und viele weitere sind die Kulturorte der freien Szene in Klagenfurt. Ohne sie wäre die Stadt stiller, widerspruchsloser und ganz sicher weniger bunt. Es sind Räume, deren Existenz nicht sofort ins Auge springt, wie es ein Stadttheater, ein Landesmuseum oder ein Konzerthaus tut. Aber dennoch sind freie Kulturorte wie diese ein unverzichtbarer Bestandteil der Kärntner Landeshauptstadt; ein Element, das die Lebensqualität in Klagenfurt maßgeblich beeinflusst und ein nicht zu unterschätzender Standortfaktor.
Auf einen Stadtspaziergang entlang dieser vielseitigen Orte in Klagenfurt lud Anfang Oktober die Interessensgemeinschaft der Kulturinitiativen in Kärnten/Koroška (IG KiKK). Der Spaziergang fand im Rahmen des Projekts „Kulturtunnel“ statt, das die Antwort der IG KiKK und ihrem steirischen Pendant, der IG Kultur Steiermark, auf die Koralmbahn-Eröffnung bildet. Besondere Ehrengäste der Veranstaltung waren 15 steirische Kulturtätige verschiedener Sparten. Sie alle waren aus der Steiermark angereist, um Klagenfurt und die hiesige Kulturszene kennenzu lernen, sich auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und mögliche Kooperationen anzudenken. Denn wie dem Rest der Wirtschaftswelt im Süden Österreichs ist auch den Kulturarbeiter:innen bewusst: Die Koralmbahn wird die Region grundlegend verändern.
Mehr als „am Wörthersee“
Wenige Tage zuvor hatte bereits ein ähnlicher Austausch in die andere Richtung stattgefunden, bei dem Kärntner Kulturtätige die Grazer Szene besucht hatten. Gemeinsam mit der IG Kultur Steiermark hatte die IG KiKK dieses Zusammentreffen seit Langem geplant – und es wird nicht bei diesen beiden Besuchen bleiben. „Durch die Koralmbahn wachsen die Regionen näher zusammen, die Wege werden kürzer und das vereinfacht Kooperationen“, erklärt Elena Stoißer, Büroleiterin der IG KiKK. „Deswegen wollen wir als IG eine Vernetzung der Kulturszenen vorantreiben. Denn Vernetzung braucht nicht nur Ressourcen, sie braucht auch Plattformen.“ In Zukunft soll die neu geschaffene Kulturtunnel-Plattform ausgeweitet werden – weitere Zusammenkünfte sollen in verschiedenen Regionen in Kärnten und der Steiermark stattfinden, um die dortige Kulturarbeit sichtbar zu machen.
Besonders wichtig ist für die IG KiKK, auch auf steirischer Seite Bewusstsein für die kulturelle Vielseitigkeit Kärntens zu schaffen. „Es gibt eine gewisse Angst, dass die Verbindung nur einseitig genutzt wird, nach dem Motto: Für Kultur fährt man nach Graz und die Steirer:innen kommen nach Klagenfurt für den Wörthersee. Da wäre unser Idealzustand, dass der Austausch in beide Richtungen geht – dass in beiden Landeshauptstädten und Bundesländern das Kulturangebot des jeweils anderen wahrgenommen wird und sichtbar ist“, so Stoißer. Bettina Mair von der IG Kultur Steiermark schließt sich an: „Ich glaube, es wäre wichtig, dass Kärnten nicht nur als das Urlaubsland der schönen Seen wahrgenommen wird, sondern als Bundesland, das für alle Interessierten in der Steiermark genauso viel bunte und diverse Kultur zu bieten hat.“
„Wir möchten einen Prozess der Vernetzung anstoßen, der sich sicher über Jahre ziehen wird.“
Von Demokratie und Innovation
Dass diese bunte und diverse Kultur viel mehr als ein oberflächliches Freizeitvergnügen ist, liegt für die Kulturarbeiter:innen der beiden IGs dabei auf der Hand. „Wir sehen Kulturarbeit als eine ins Soziale hineinwirkende Arbeit, die auch eine gesellschaftliche und demokratiepolitische Funktion hat“, so Simon Hafner, Obmann der IG Kultur Steiermark. Doch nicht nur die Demokratie, auch die Wirtschaft profitiert nachweislich von der kleinteiligen Arbeit freier Kulturvereine. Zwar waren die Auswirkungen der COVID-Pandemie im Kultursektor besonders deutlich zu spüren, und auch die aktuelle Wirtschaftskrise wirkt stark in den Kulturbereich hinein. Zwischen 1995 und 2018 war die österreichweite Bruttowertschöpfung der Kultur dem WIFO zufolge allerdings um rund 144 Prozent gestiegen – gesamtwirtschaftlich betrug der Anstieg im Mittel nur rund 117 Prozent. Und auch für den Rest der EU wurden etwa zwischen 2013 und 2019 steigende Unternehmens- und Beschäftigungszahlen, Umsatzentwicklung und Wertschöpfung in der Kultur- und Kreativwirtschaft dokumentiert. 2022 erwirtschafteten die Creative Industries immer noch einen Jahresumsatz von 32,6 Mrd. EUR und damit drei Prozent des österreichischen BIP. „Ich glaube, es wird noch immer nicht genug wahrgenommen, was für ein unglaublicher Innovationsfaktor – und damit auch Wirtschaftsfaktor – die Kulturarbeit ist“, ist Hafner überzeugt.
Ein gewisses Paradox – denn gerade in Kärnten, das stark mit Abwanderung und Brain Drain zu kämpfen hat, birgt die Kultur als Standortfaktor großes Potenzial. Vor allem junge Menschen beklagen häufig ein zu geringes kulturelles Angebot, das auch Formate abseits der sogenannten Hochkultur abdeckt. Hier spielt die freie Kulturszene eine zentrale Rolle, indem sie ein vielseitiges Angebot für unterschiedliche Zielgruppen schafft. Doch der Kärntner Kultursektor hat – insbesondere in Klagenfurt – mit geringen, stark gekürzten oder gänzlich ausbleibenden Förderungen zu kämpfen. Hinzu kommt eine zu geringe öffentliche Sichtbarkeit, die durch fehlende finanzielle Mittel noch weiter verstärkt wird. Eine Mischung, die dazu führt, dass die lokale Kulturarbeit ihre volle Wirkung nur schwer entfalten kann. Obmann Simon Hafner wünscht sich angesichts der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung lokaler Kulturarbeit daher nicht zuletzt mehr Zusammenarbeit und Dialog: „Zwischen Politik, Wirtschaft und dem Kulturbereich braucht es hier definitiv ein Zugehen, Wahrnehmen und Kommunizieren auf Augenhöhe, um die vielfältigen Potenziale im freien Kulturbetrieb zu heben“, betont er.
„Es wird noch immer nicht genug wahrgenommen, was für ein unglaublicher Innovationsfaktor – und damit auch Wirtschaftsfaktor – die Kulturarbeit ist.“
In Zukunft verbunden
Wie ein solches Zugehen funktionieren könnte, zeigen die IG Kultur Steiermark und die IG KiKK mit ihrem Kulturtunnel-Projekt vor. „Wir arbeiten natürlich mit ganz anderen Ressourcen als die Wirtschaftskammer, die Tourismusverbände oder die Universitäten. Aber das Schöne ist, dass sich auch zeigt, dass viele Leute schon jetzt vernetzt sind, nicht zuletzt durch ihre persönlichen Biographien. Deswegen denke ich auch, dass wir sehr schnell ins tatsächliche Tun kommen werden“, so Hafner. Der Austausch Anfang Oktober in den Landeshauptstädten war dabei nur ein erster Auftakt, wie Bettina Mair ausführt: „Wir möchten einen Prozess der Vernetzung anstoßen, der sich sicher über Jahre ziehen wird. Die Idealvorstellung wäre, dass sich das Ganze verselbstständigt – dass Initiativen näher rücken und gemeinsam Ressourcen nutzen. Denn wenn das Feld sich miteinander solidarisiert, ist man stärker – und kann als Interessensvertretung auf kulturpolitischer Ebene auch eher etwas erreichen.“
Zwei Bundesländer, ein Ziel – im „Kulturtunnel“- Projekt machen die IG KiKK und die IG Kultur Steiermark gemeinsame Sache. © advantage