Romina Kocina
© EGTC GO
Dass Grenzen nicht nur trennen, sondern auch oft genug verbinden, ist eine Tatsache, die gerne übersehen wird. Rund 40 Kilometer nördlich von Triest liegen zwei Städte, deren gemeinsamer Alltag den besten Beweis für die doppelte Natur von Grenzen liefert. Die eine auf italienischem, die andere auf slowenischem Staatsgebiet, stehen Gorizia und Nova Gorica heute in ständigem Austausch. Diese Besonderheit hat den Zwillingsstädten den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2025 eingebracht. Inzwischen sind sie zu einem Symbol europäischen Zusammenhalts geworden.
Europäische Geschichte
Die Vergangenheit der Stadt Gorizia reicht bis ins Mittelalter zurück. Zunächst Residenz ansässiger Grafen, kam sie um das Jahr 1500 unter die Herrschaft der Habsburger und blieb dort mit einer kurzen Unterbrechung im 19. Jahrhundert für mehr als 400 Jahre. Damals war die Stadt unter dem Namen Görz bekannt – gesprochen wurde Italienisch ebenso wie Slowenisch, Friulanisch und Deutsch. Erst nach dem Ersten Weltkrieg und infolge der Kämpfe am nahen Isonzo wurde die Stadt ein Teil von Italien. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen neue Grenzkonflikte auf die Region zu, als die kürzlich gegründete jugoslawische Republik Anspruch auf Gorizia erhob. 1947 wurde der Ostteil der Stadt, der aus kleinen, ländlich geprägten Siedlungen bestand, Jugoslawien zugesprochen. Durch ein Gebiet, das jahrhundertelang selbstverständlich in interkulturellem Austausch gelebt hatte, wurde plötzlich eine Grenze gezogen, die sich als Eiserner Vorhang durch halb Europa fortsetzte.
Auf der anderen Seite: Urbanismus vom Reißbrett
Unmittelbar nach dieser Grenzziehung begann der jugoslawische Staat, im ehemaligen Ost-Gorizia eine sozialistische Planstadt zu errichten. Der renommierte Architekt und Stadtplaner Edvard Ravnikar wurde mit der Planung beauftragt. Schon 1948 wurde der Grundstein für die neue Stadt Nova Gorica gelegt, die als gezieltes Urbanismusprojekt ein neues Zentrum und später auch Universitätsstadt werden sollte. Der Plan ging auf – ein deutlicher Bevölkerungsanstieg ließ die Stadt mit der Zeit zu einem florierenden regionalen Zentrum werden, das heute inklusive Umlandgemeinden fast 32.000 Einwohner:innen zählt. In den ersten Jahren nach 1947 war die Grenze für Bürger:innen der Region unpassierbar. Später wurde sie durchlässiger – etwa durch den Lasciapassare/Prepustnica, einen Pass, mit dem die Menschen sich zwischen Gorizia und Nova Gorica bewegen durften. Auch Waren wurden häufig über die Grenze geschmuggelt – Geschichten, die heute ein lokales Grenzmuseum erzählt. Wirklich offen ist die Grenze allerdings erst seit Anfang der 2000er Jahre, als Slowenien zuerst der EU und schließlich auch dem Schengenraum beitrat.
Romina Kocina
© EGTC GO
Wendepunkt Pandemie
Eine neue Wendung nahm die Geschichte der Städte während der COVID-19-Pandemie. Aus gesundheitlichen Gründen wurde die Grenze plötzlich wieder dicht gemacht: Ein Bauzaun teilte den Bahnhofsvorplatz Trg Evrope/Piazza Transalpina, den Berührungspunkt der beiden Städte, wie früher in zwei Hälften. Für die Menschen, die sich längst daran gewöhnt hatten, ihre Verwandten und Freund:innen auf der anderen Seite der Grenze zu besuchen oder schnell „hinüber“ zu fahren, um etwa italienische Spaghetti oder slowenisches Bier zu kaufen, war die erneute Trennung ein Schock.
Doch die Menschen der beiden Städte ließen sich nicht mehr so leicht auseinander dividieren. Sie verabredeten sich am Bauzaun, trafen sich dort auf ein Getränk, spielten über die Grenze hinweg Ball. Romina Kocina, Direktorin der grenzüberschreitenden Organisation EGTC GO, erinnert sich gut an diese besondere Zeit: „Als die Absperrungen 2020 zurückkehrten, machte uns das die Verbundenheit unserer Städte erst so richtig bewusst. Dieser Bruch verdeutlichte uns, wie sehr wir zusammengewachsen waren.“
Grenzüberschreitende Transformation
Mithilfe dieser Energie und Verbundenheit schafften es die beiden Städte schließlich, in der damals bereits laufenden Bewerbungsphase für die Europäische Kulturhauptstadt das Rennen zu machen. Unter dem Motto GO! Borderless sind die beiden Städte nun gemeinsam Europäische Kulturhauptstadt 2025 – für die periphere Grenzgegend eine wichtige Chance: „In wirtschaftlicher Hinsicht ist unsere Region mit vielen für Grenzregionen typischen Herausforderungen konfrontiert: Bevölkerungsrückgang, fehlende Investitionen und Brain Drain. GO! 2025 hilft uns, diesen Trend umzukehren – durch Förderungen, verbesserte Infrastruktur und neu geschaffene Arbeitsplätze. Das betrifft nicht nur den Kulturbereich, sondern auch Tourismus, Bauwirtschaft und Dienstleistungen“, erzählt Kocina. Der gemeinsame Raum der Nachbarstädte Gorizia und Nova Gorica sei lange Zeit von Trennung geprägt gewesen – „doch in den letzten Jahrzehnten haben wir aktiv Brücken gebaut. Als jemand, der in dieser einzigartigen Grenzregion lebt und arbeitet, kann ich sagen, dass sich die Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 zutiefst symbolisch und unglaublich motivierend anfühlt.“
Die von Kocina geleitete Organisation EGTC GO wurde 2011 von den Nachbargemeinden Gorizia, Nova Gorica und Šempeter-Vrtojba gegründet, um die grenzüberschreitende Entwicklung der Region voranzutreiben. EGTCs (European Groupings of Territorial Cooperation) sind zum jetzigen Zeitpunkt innerhalb der EU das einzige rechtliche Instrument, das die gleichberechtigte Zusammenarbeit von Gemeinden über staatliche und kommunale Grenzen hinweg ermöglicht. Seit der Gründung wurden bereits einige Projekte umgesetzt – etwa eine neue Brücke über den Fluss Isonzo/Soča. Auch der Bahnhofsvorplatz Piazza Transalpina/Trg Evrope direkt auf der Staatsgrenze soll langfristig umgestaltet werden und sich zu einem neuen Zentrum der verbundenen Städte entwickeln.
„Für mich ist es eine einmalige Gelegenheit, zu zeigen, wie zwei Städte, zwei Länder, zwei Sprachen zusammen als eine Gemeinschaft agieren können.“
Auf der Bühne Europas
Geschichte und Gegenwart der Städte an der italienisch-slowenischen Grenze machen deutlich: Gorizia und Nova Gorica sind ein echtes Beispiel für grenzüberschreitendes europäisches Zusammenleben. Mehrsprachigkeit war und ist Teil des Alltags, eine strikte Trennung der Lebensbereiche, wie sie von Staatsgrenzen suggeriert wird, existiert in dieser Form nicht. Dass die Arbeit, die EGTC GO seit Jahren in das Zusammenwachsen der Städte investiert, nun Resonanz in Form der Europäischen Kulturhauptstadt erfährt, ist für Romina Kocina eine große Anerkennung: „Dieser Titel bringt unsere Zwillingsstädte auf die Bühne Europas – nicht nur als kulturelle Sehenswürdigkeit, sondern auch als ein Labor gemeinsamen Lebens und Arbeitens. Für mich ist es eine einmalige Gelegenheit, zu zeigen, wie zwei Städte, zwei Länder, zwei Sprachen zusammen als eine Gemeinschaft agieren können.“
Für alle Interessierten bietet sich noch bis Ende des Jahres die Gelegenheit, den zahlreichen Veranstaltungen im Rahmen des Kulturhauptstadt-Jahres beizuwohnen. Doch auch in Zukunft wird sich ein Besuch der grenzenlosen Städte mit Sicherheit lohnen.
WISSENSWERT
Im Kulturhauptstadt-Jahr 2025 bieten die Zwillingsstädte ein breit gefächertes Programm. Schmuggeln sowie Krieg und Frieden stehen als Themen ebenso im Fokus wie die Erschaffung des Neuen und das Motto Sehr Grün, das auf den Fluss Isonzo/Soča anspielt.
Mehr Infos: go2025.eu/en/whats-up/events
1. Brücken bauen – die Organisation EGTC GO setzt sich für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Städte Gorizia und Nova Gorica ein. © EGTC GO
2. GO! 2025: Buntes Programm bei der Kulturhauptstadt 2025. © EGTC GO