Eva Štravs Podlogar, Leiterin von RAGOR
© Privat
Die Karawanken sind ein schroffes Gebirge: Als Teil der südlichen Kalkalpen schneiden ihre Zacken weithin sichtbar in den Himmel und bilden damit eine natürliche und durchaus wirkungsvolle Grenze zwischen Kärnten und Slowenien. Doch wie alle Grenzen trägt auch diese ihre eigene Überschreitbarkeit in sich – eine Tatsache, die sich seit vielen Jahrhunderten in Verkehrswegen, kulturellem Austausch und Handelsbeziehungen äußert. In Zeiten der EU und des freien Personen-, Waren- und Dienstleistungsverkehrs verliert die Grenze zunehmend an Bedeutung – und schafft Raum für die Chancen, die eine gezielte Zusammenarbeit in der Alpen-Adria-Region eröffnet.
Eine langjährige Verfechterin dieser internationalen Zusammenarbeit ist Eva Štravs Podlogar. Seit mehreren Jahren leitet die Tourismus-Expertin die Entwicklungsagentur RAGOR in Jesenice. Wie wichtig Kooperationen in der Alpen-Adria-Region sind, erkannte sie bereits während ihrer langjährigen Tätigkeit im Tourismusverband Bled, der unter anderem eng mit Velden und Villach zusammenarbeitet. „Durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit können wir gemeinsam Projekte umsetzen – aber die Grundlage dafür ist, sich gegenseitig kennenzulernen und ein gutes Verhältnis auf verschiedenen Ebenen aufzubauen“, ist Štravs Podlogar überzeugt.
Verbindendes Gebirge
Um die Zusammenarbeit mit Kärnten weiterzuentwickeln, kooperiert RAGOR eng mit dem slowenischen Wirtschaftsverband in Kärnten (SGZ). Durch slowenische Abende in Kärnten oder gemeinsame Sportveranstaltungen soll die Basis für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit gestärkt werden. Auch mit den mehrsprachigen Schulen in Kärnten werden Projekte umgesetzt – etwa ein Ausflug, bei dem Kärntner Schüler:innen die Stadt Jesenice besuchen und von Schüler:innen des ansässigen Gynmasiums herumgeführt werden. Dieser Fokus auf junge Menschen ist für Štravs Podlogar besonders wesentlich: „Ich sehe hier ein großes Potenzial. Es ist wichtig, dass die Zusammenarbeit verschiedene Generationen umfasst und junge Menschen einbezieht, denn sie sind die Generation der Zukunft.“
Auch rund um die Karawanken konnten RAGOR und SGZ eine grenzüberschreitende Kooperation in die Wege leiten: Das INTERREG-Projekt COVISION soll dazu beitragen, die Karawanken als gemeinsamen Tourismus-, Lebens- und Wirtschaftsraum zu begreifen – ein Gebiet der Zusammenarbeit, der Entwicklung und des Vertrauens, an dem Gemeinden auf beiden Seiten der Berge gleichermaßen teilhaben. So werden die Gemeindeleiter:innen von Jesenice, Bled oder Radovljica ebenso in das Projekt einbezogen wie die Bürgermeister von Ferlach, Finkenstein oder St. Jakob im Rosental, wo am 5. März 2026 das zweite Projekttreffen stattfand. Im Zuge von SEME, einem weiteren INTERREG-Projekt, gibt es eine ähnliche Zusammenarbeit im Kontext von ökologischer Saatguterhaltung und Biodiversitätsförderung im Grenzgebiet.
Eva Štravs Podlogar, Leiterin von RAGOR
© Privat
Stärker durch Zusammenhalt
All diese Kooperationen sind nicht vorrangig wirtschaftlicher Natur. Dennoch kann auch die Wirtschaft ganz klar profitieren, wie Štravs Podlogar betont: „Wenn die Basis gelegt und das Vertrauen zwischen den Partnern gefestigt ist, ist es leichter, geschäftliche Beziehungen aufzubauen.“ Schon jetzt ist Österreich einer der wichtigsten Geschäftspartner Sloweniens. Kärnten und die Steiermark nehmen hier aufgrund der räumlichen Nähe eine Sonderstellung ein, die durch die Koralmbahn und den Ausbau der slowenischen Bahninfrastruktur noch weiter gestärkt wird. Auch am Arbeitsmarkt findet ein reger Austausch statt: Mehr als 13.000 Slowen:innen pendeln täglich in die Steiermark, über 8.000 weitere arbeiten in Kärnten. Ein gutes Zeichen, findet Eva Štravs Podlogar: „Einerseits für Österreich, weil es bedeutet, dass die Slowen:innen den Arbeitgeber:innen vertrauen und die Rahmenbedingungen stimmig sind. Andererseits bedeutet es auch, dass die Österreicher:innen die Slowen:innen für ihre Arbeit wertschätzen.“
Europäische Makroregion
Die bestehenden Wirtschaftsbeziehungen im Alpen-Adria-Raum zu stärken, hat sich auch das New Alps Adriatic Network (NAAN) zur Aufgabe gemacht. NAAN ist ein Zusammenschluss aus zehn Wirtschaftskammern in Südösterreich, Norditalien, Slowenien und Kroatien mit Hauptsitz in Klagenfurt, das die erweiterte Alpen-Adria-Makroregion innerhalb der EU besser positionieren soll. Als Leiterin der Abteilung Außenwirtschaft und EU in der Wirtschaftskammer Kärnten ist Hemma Kircher-Schneider eng in die Aktivitäten von NAAN involviert. Ihre Abteilung unterstützt Kärntner Unternehmen bei Internationalisierungsvorhaben und regt dazu an, über die Grenzen zu schauen. Dafür bietet die geographische Lage Kärntens aus Kircher-Schneiders Sicht ideale Voraussetzungen: „Die Alpen-Adria-Region ist ein großer Markt, der vor unserer Haustüre liegt – und den man unbedingt nutzen sollte. Während der Pandemie haben wir gesehen, dass es hier bereits sehr enge und selbstverständliche Kooperationen gibt – etwa beim Import von Dienstleistungen, aber auch bei Waren wie Kulinarik oder Textilien.“ Auch im Export spielen Slowenien und Italien für Kärnten eine wichtige Rolle – insgesamt 15 Prozent des Kärntner Exportvolumens entfallen auf die beiden Nachbarländer.
Hemma Kircher-Schneider, Leiterin der Abteilung Außenwirtschaft und EU in der WKK
© WKK
Öffnung mit Mehrwert
Diese engen Verflechtungen wären ohne die Europäische Union so nicht möglich. „Der EU-Binnenmarkt ist für die Kärntner Betriebe zum Glück Alltag geworden. Leider wird er in seiner Bedeutung immer noch unterschätzt. Dass man selbstverständlich und ohne Kontrolle nach Slowenien oder Italien fahren, dort Montagetätigkeiten durchführen oder Waren ausliefern kann, ohne vor einer Zollgrenze zu stehen – das haben wir nur der EU zu verdanken“, betont Kircher-Schneider. Auch für Eva Štravs Podlogar steht der Wert der Europäischen Union außer Frage. Wie die Wirtschaftskammer Kärnten informiert auch RAGOR slowenische Unternehmen gezielt über ihre Optionen am österreichischen Markt. Dass nach wie vor eine sprachliche Hemmschwelle zwischen den beiden Ländern besteht, bereitet ihr angesichts der immer besseren Englischkenntnisse jüngerer Generationen kaum Sorgen. „Ich glaube, wir können durch den Austausch in allen Bereichen profitieren – egal ob als Unternehmen, die expandieren wollen, im Tourismus oder im Bildungsbereich“, so Štravs Podlogar.
Auf österreichischer Seite wünscht sich Hemma Kircher-Schneider eine größere Offenheit – nicht zuletzt gegenüber der slowenischen Sprache: „Ich finde es schade, dass es in den meisten Kärntner Schulen nicht möglich ist, Slowenisch als Zweitsprache zu wählen. Hier könnte man im Bildungssystem mehr Flexibilität beweisen – nicht zuletzt, weil eine slawische Sprache der Schlüssel zum gesamten slawischen Sprachraum sein kann.“ An der Schnittstelle von drei Sprachräumen kommt Kärnten eine Sonderstellung zu, die zahlreiche Chancen birgt. Eine sprachliche und wirtschaftliche Annäherung könnte in Südösterreich, Slowenien und Norditalien zu einer offeneren Gesellschaft beitragen – und dazu anregen, den Alpen-Adria-Raum, genau wie die trennenden Karawanken, als etwas Gemeinsames zu begreifen.
Beim ersten COVISION-Projekttreffen in Jesenice wurde der Grundstein für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Bereich der Karawanken gelegt. © Nik Bertoncelj