„Im Anthropozän wird die Bedeutung von Nationalparks neu sichtbar: Sie schützen nicht nur die Natur, sondern stärken auch die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.“
Heiligenblut als Bühne für Zukunftsfragen
Organisiert wurde die neunte Ausgabe des Forum Anthropozän vom Verein ProMÖLLTAL gemeinsam mit dem Nationalpark Hohe Tauern Kärnten. Als Veranstaltungsorte fungierten das Haus der Steinböcke in Heiligenblut am Großglockner sowie weitere Standorte in der Nationalparkregion Hohe Tauern.
Hochkarätiges Programm
Zu den Highlights der dreitägigen Veranstaltung zählte das prominent besetzte Zeit-Gespräch, moderiert von Fritz Habekuß (Die Zeit). Klima- und Nachhaltigkeitsforscher Hans Joachim Schellnhuber (IIASA) beleuchtete gemeinsam mit Nationalparkdirektorin Barbara Pucker, Unternehmer Reinhard Schneider (Werner & Mertz/Marke Frosch), Naturschutz- und Raumplanungsexpertin Liliana Dagostin (ÖAV), dem Direktor des Schweizer Nationalparks Ruedi Haller sowie Sektionschef Jürgen Schneider (BMLUK) die Fragestellung, welche strategische Rolle Nationalparks künftig für Biodiversität, Klimaresilienz, regionale Entwicklung und geopolitische Stabilität einnehmen können.
„Im Anthropozän wird die Bedeutung von Nationalparks neu sichtbar", betonte Barbara Pucker, Direktorin des Nationalparks Hohe Tauern Kärnten. „Sie schützen nicht nur die Natur, sondern stärken auch die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Als Rückzugsräume für Biodiversität, als natürliche Klimaschützer und als Brücken zwischen Regionen und Staaten leisten sie einen wichtigen Beitrag zu Resilienz, Kooperation und nachhaltiger Entwicklung. Nationalparks sind damit Investitionen in die Lebensgrundlagen kommender Generationen.“
Visionen für die Welt von morgen
Angesichts der Klimakrise plädierte Hans Joachim Schellnhuber für grundlegende gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen. „Die Pariser Klimaleitplanken von 1,5 bzw. 2°C Erderwärmung werden in den nächsten Jahrzehnten durchbrochen. Das führt die Menschheit in eine Hochrisikozone. Die zentrale Aufgabe unserer Zeit ist daher die Klimareparatur. Das einzige realistische Werkzeug dafür dürfte die organische Transformation der gebauten Umwelt sein: natürliche, klimapositive Materialien wie Holz und Bambus, digitale Hochtechnologien und kulturelle Verankerung verbinden sich für ein Gutes Anthropozän“, so der Nachhaltigkeitsforscher.
Für Reinhard Schneider, Eigentümer von Werner & Mertz, sind nachhaltige Wirtschaftsmodelle ein entscheidender Erfolgsfaktor: „Die Natur zeigt, wie leistungsfähig Systeme sein können – ohne Verschwendung. Für mich heißt Nachhaltigkeit deshalb nicht Verzicht, sondern oft mehr Qualität und Effizienz. Zugleich wird klar: Fossilbasiertes Wirtschaften schadet nicht nur der Umwelt, sondern schafft auch politische und wirtschaftliche Abhängigkeiten. Nachhaltige Lösungen zeigen, dass hohe Leistung auch ressourcenschonend möglich ist und darüber hinaus unsere Sicherheit verbessert.“
Schutzgebiete im Fokus
Ein weiterer Schwerpunkt des Programms war die die Podiumsdiskussion „Nationalpark Hohe Tauern – Aufgaben und Herausforderungen“ mit Landesrätin Marika Lagger- Pöllinger, Barbara Pucker, Johannes Hörl (CEO Großglockner Hochalpenstraßen AG) und Josef Aberger (Obmann Schutzgemeinschaft der Grundbesitzer im Nationalpark Hohe Tauern). Nationalparkreferentin LR.in Marika Lagger-Pöllinger plädierte dabei für ein gemeinsames Verständnis von Verantwortung im Umgang mit Schutzgebieten: „Ein Nationalpark funktioniert nur miteinander. Wer Natur schützen will, muss die Menschen vor Ort einbinden, zuhören und gemeinsame Wege finden. Genau dafür ist das Forum Anthropozän ein wichtiger Raum.“ Darüber hinaus widmete sich das Forum Themen wie nachhaltiger Regionalentwicklung, Smart Cities und Smart Regions. Zudem diskutierten internationale Vertreter:innen der OSZE über Nationalparks als geopolitische Räume und deren wachsende Bedeutung für moderne Außen- und Sicherheitspolitik.
„Wir wollen globale, systemische Zusammenhänge sichtbar machen und gemeinsam nachhaltige, regionale Lösungen entwickeln.“
Zwischen Kunst, Natur und Zukunft
Neben wissenschaftlichen und politischen Debatten setzte das Forum auch künstlerische Akzente: So eröffnete etwa die Künstlerin Alona Rodeh mit ihrer Ausstellung „Connected Darkness“ und einem Nightwalk neue Zugänge zu Natur, Raumwahrnehmung und gesellschaftlichem Wandel. Für große öffentliche Aufmerksamkeit sorgte zudem das Format „Anthropozän Reloaded. Die Kräuterbäuerin und der Kabarettist“ mit Kabarettist Dirk Stermann und Biochemikerin Renée Schroeder am Dorfplatz in Heiligenblut. Die von Günther Kaindlstorfer moderierte Diskussion zeigte, dass sich Zukunftsfragen auch mit Humor verhandeln lassen.
Im Interreg-Projekt CONNATURALP – Connecting Nature and Health in the Alps standen schließlich die Zusammenhänge zwischen Biodiversität, Gesundheit und naturbasierten Zukunftsmodellen im Mittelpunkt. Eine One-Health-Wanderung zum Gössnitz-Wasserfall, eine philosophische Wanderung sowie eine gemeinsame Zukunftswerkstatt luden dazu ein, die Verbindung zwischen intakten Ökosystemen und menschlichem Wohlbefinden zu erleben und anschließend neu zu denken.
Save the Date: 10. Forum Anthropozän von 10.–12. Juli 2027
Mit seiner interdisziplinären Ausrichtung setzte das 9. Forum Anthropozän erneut starke Impulse für den Austausch zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Kunst und Zivilgesellschaft. Sabine Seidler, Initiatorin des Forum Anthropozän: „Wir wollen globale, systemische Zusammenhänge sichtbar machen und gemeinsam nachhaltige, regionale Lösungen entwickeln. Wir freuen uns bereits jetzt auf das 10. Forum Anthropozän im Juni 2027, wenn wir gemeinsam die Jubiläumsausgabe in Heiligenblut feiern.“
„Ein Nationalpark funktioniert nur miteinander. Wer Natur schützen will, muss die Menschen vor Ort einbinden, zuhören und gemeinsame Wege finden. Genau dafür ist das Forum Anthropozän ein wichtiger Raum.“
WISSENSWERT
Als ANTHROPOZÄN (Menschenzeit) wird jene Epoche bezeichnet, in der menschliches Handeln die natürlichen Prozesse der Erde tiefgreifend, dauerhaft und global verändert.
Das FORUM ANTHROPOZÄN versteht sich als interdisziplinäre Plattform an der Schnittstelle von NATUR, INNOVATION und VERANTWORTUNG. Es bringt Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Kunst in einen gemeinsamen Dialog und thematisiert, wie nachhaltige Zukunftsperspektiven im Anthropozän gestaltet werden können.
MEHR INFOS: www.forum-anthropozaen.com
© Christian Senger