„Unternehmen dafür zu sensibilisieren, Menschen mit Behinderung als vollwertige Mitarbeitende einzustellen, ist ein langer Weg, der Geduld und ständige Information braucht.“
Inklusion als Chance für Unternehmen
1.197 Unternehmen in Kärnten wären aufgrund ihrer Größe von mehr als 25 Mitarbeiter:innen verpflichtet, Menschen mit Behinderung anzustellen, doch nur 430 erfüllen aktuell diese Verpflichtung – ein Anteil von 35,9 Prozent. Dennoch ist von einer positiven Entwicklung zu sprechen: Seit 2022 hat sich der Anteil um fünf Prozent erhöht. Außerdem zahlen jene Unternehmen, welche ihre Anstellungspflicht nicht erfüllen, insgesamt 5,7 Millionen Euro Ausgleichstaxe.
Die Organisation „Zero Project“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Situation von Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt zu verbessern und inklusive Beschäftigung in Österreich zu fördern. Zu diesem Zweck werden nicht nur inklusive Arbeitgeber ausgezeichnet, sondern auch österreichweit Zero Project Unternehmensdialoge abgehalten. Im Rahmen des Kärntner Zero Project Unternehmensdialogs, der kürzlich zum achten Mal in Klagenfurt stattfand, wollte das Land Kärnten gemeinsam mit den Projektpartnern Bewusstsein für die Bedeutung betrieblicher Inklusion schaffen. Landesrätin Beate Prettner, Referentin für Chancengleichheit für Menschen mit Behinderung, Wirtschaftslandesrat Sebastian Schuschnig, Zero-Project-Gründer Martin Essl, René Regenfeldner von „Stora Enso“ und Andreas Jesse, Geschäftsführer von autArK, machten gemeinsam deutlich, dass berufliche Inklusion in Kärnten zunehmend an Bedeutung gewinnt und für Unternehmen eine echte Chance darstellt.
Landesrätin Prettner betonte, dass konsequente Aufklärung und sichtbare Praxisbeispiele entscheidend bleiben, um Vorurteile abzubauen: „Unternehmen dafür zu sensibilisieren, Menschen mit Behinderung als vollwertige Mitarbeitende einzustellen, ist ein langer Weg, der Geduld und ständige Information braucht. Die besten Argumente liefern jene Betriebe, die es bereits erfolgreich tun – sie zeigen tagtäglich, dass Menschen mit Behinderung wertvolle Mitarbeitende sind und Unternehmen gerade in herausfordernden Zeiten enorm stärken.“
Prettner verwies darauf, dass gesetzliche Vorgaben allein nicht ausreichen, sondern „passende Rahmenbedingungen und konkrete Unterstützung notwendig sind, damit Inklusion im Betrieb wirklich funktionieren kann“. So investiert das Land ihr zufolge stark in Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte, die individuelle Zugänge schaffen und Barrieren abbauen. Im Jahr 2026 werden 732 Menschen mit Behinderung im Sinne des Leitmotivs „Lohn statt Taschengeld“ in diesen Programmen arbeiten können.
„Menschen mit Behinderung bringen vielfältige Stärken, Kompetenzen und Talente mit, die unsere Betriebe bereichern.“
„Inklusion ist nicht nur ein gesellschaftspolitisch wichtiges Thema, es kann für Unternehmen auch zum Erfolgsfaktor werden“, betont Wirtschaftslandesrat Sebastian Schuschnig. „Menschen mit Behinderung bringen vielfältige Stärken, Kompetenzen und Talente mit, die unsere Betriebe bereichern. Nicht zuletzt geht es dabei aber auch um einen Beitrag zur Fachkräftesicherung.“ Damit Inklusion nachhaltig gelingt, brauche es jedoch die passenden Rahmenbedingungen: vom inklusiven Arbeitsmarkt über gezielte Unterstützung in den Betrieben vor Ort bis hin zu einem gut abgestimmten, barrierefreien Gesamtsystem, so Schuschnig. „Kärnten ist hier auf einem guten Weg. Wir haben viele Unternehmen, denen Inklusion ein echtes Anliegen ist und die seit Jahren ganz bewusst darauf setzen. Sie übernehmen damit eine starke Vorbildfunktion in der Gesellschaft und in der Wirtschaft, indem sie zeigen, welchen Mehrwert Inklusion für alle Beteiligten schafft.“
Inklusive Vorzeigebeispiele
Ein Beispiel für ein gelungenes Inklusionsprojekt ist das ChancenForum, das autArK vor mehr als 20 Jahren gemeinsam mit dem Land Kärnten entwickelt hat und das als Pioniermodell für berufliche Inklusion gilt. Aktuell umfasst es insgesamt 180 Erwerbsarbeitsplätze in verschiedenen Branchen und Unternehmen in ganz Kärnten. Im Rahmen des Unternehmensdialogs wurde „HorSense – Verein für therapeutisches Reiten“ vorgestellt, an den das Qualifizierungsmodell ChancenForum light eine Mitarbeiterin vermitteln konnte. Sie wurde in den letzten drei Jahren im Rahmen dieses geschützten Qualifizierungsmodells im Betrieb fachlich befähigt und mit November 2025 von „HorSense“ in ein Angestelltenverhältnis übernommen.
„Vielfalt stärkt das Unternehmen – wir sehen, dass in jenen Bereichen, wo Menschen mit Behinderung eingesetzt werden, neue Perspektiven geschaffen werden, die Motivation im Team steigt und der Zusammenhalt gestärkt wird.“
Ein weiteres Best Practice Beispiel ist das internationale Forstunternehmen „Stora Enso“. Am Standort Bad St. Leonhard sind aktuell sieben Menschen mit Behinderung beschäftigt. Der österreichweite Leiter der Lehrlingsausbildung, René Regenfeldner, erklärte: „Bei ,Stora Enso‘ steht der Mensch mit seinen Fähigkeiten im Mittelpunkt, nicht die Einschränkung. Wir sehen in der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung keine soziale Verpflichtung, sondern eine Bereicherung für das Unternehmen und schaffen regional Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. Vielfalt stärkt das Unternehmen – wir sehen, dass in jenen Bereichen, wo Menschen mit Behinderung eingesetzt werden, neue Perspektiven geschaffen werden, die Motivation im Team steigt und der Zusammenhalt gestärkt wird.“
Inklusion als Win-Win-Win-Situation
Zero-Project-Gründer Martin Essl hob besonders die positiven Effekte beruflicher Inklusion auf die Arbeitnehmer:innen hervor: „Unser Ziel ist es, Menschen mit Behinderung die Chance zu geben, durch eine ihren individuellen Fähigkeiten entsprechende Tätigkeit ein eigenes Einkommen zu erzielen. Auf diese Weise erfahren sie Wertschätzung und das Gefühl, einen wichtigen Beitrag zu leisten – Aspekte, die ihr Selbstbewusstsein nachhaltig stärken. Aus meiner langjährigen Erfahrung als Unternehmer weiß ich, dass sich diese Menschen durch außergewöhnliches Engagement, hohe Motivation und große Loyalität auszeichnen – eine Win-Win-Win-Situation!“
autArK-GF Andreas Jesse betonte ergänzend die Bedeutung einer professionellen Begleitung, z. B. durch das „Netzwerk Berufliche Assistenz“ (NEBA). „Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung kann gerade in herausfordernden Zeiten den Zusammenhalt im Unternehmen stärken und einen positiven Beitrag zur Unternehmenskultur leisten, was sich letztlich in einem Mehrwert für alle Beteiligten zeigt“, so Jesse. Mit einer Keynote von Ex-Skispringer Lukas Müller, der seit einem schweren Sturz 2016 querschnittsgelähmt ist und heute als Vermögensberater arbeitet, und vielen konkreten Einblicken zeigt der Unternehmensdialog, wie Inklusion wirtschaftlichen Erfolg und menschliche Vielfalt verbindet und wie Unternehmen durch den Abbau von Barrieren neue Perspektiven gewinnen können.
© Büro LR.in Prettner