Wirtschaft

Künstliche Intelligenz zum Wohle des Menschen

Interview mit Eva Eggeling: Kärntner Unternehmen erhalten durch KI4LIFE Unterstützung bei Themen der Digitalisierung und beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Ihre Einsatzmöglichkeiten sind umfangreich.

Seit Oktober 2019 gibt es in Klagenfurt das Innovationszentrum „Digitalisierung und Künstliche Intelligenz“ (KI4LIFE) von Fraunhofer Austria. Wir sprachen mit Leiterin Eva Eggeling, wie damit Kärntner Unternehmen bei den Herausforderungen der Digitalisierung unterstützt werden.

advantage: Aus welchen Gründen kam es zur Gründung des Innovationszentrums in Klagenfurt?

Eva Eggeling: Ein Kärntner Konsortium, allen voran die Kärntner Wirtschaftskammer (WK) mit Präsident Jürgen Mandl, unterstützt durch die WK Österreich, die IV Kärnten, das Land Kärnten und die Stadt Klagenfurt, sowie ein Unternehmenskonsortium hat sich dafür stark gemacht, dass die Region und vor allem die Kärntner Unternehmen Unterstützung bekommen bei den Themen der Digitalisierung und dem Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI), um noch erfolgreicher und innovativer zu werden und um den Digitalisierungstrend für sich selbst nutzen zu können. Sie haben sich eine angewandte Forschungseinrichtung gewünscht, die die Region unterstützt und die Entscheidung ist dabei auf die Fraunhofer-Gesellschaft gefallen. Dadurch dass die Fraunhofer Austria Research GmbH, übrigens die erste Auslandstochter der Fraunhofer-Gesellschaft, bereits 2008 in Österreich gegründet wurde und schon in drei Bundesländern (Wien, Steiermark und Tirol) Forschungseinheiten zu unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten betreibt, waren die Grundvoraussetzungen bereits geschaffen, in Kärnten einen vierten Standort zu gründen.

Welche konkreten Inhalte werden bearbeitet? Was sind aktuelle Projekte?

Wir beschäftigen uns grundsätzlich mit dem ganz praxisorientierten und unternehmensnahen Einsatz von Methoden der Künstlichen Intelligenz, der Statistik und der Mathematik, um die Unternehmen und Partner in ihrem Kerngeschäft noch erfolgreicher zu machen oder dabei zu helfen, ein neues Feld oder Geschäft zu entwickeln. Basis dafür sind die Unternehmensdaten, seien es Daten aus der Produktion, Messwerte, Textdokumente, Bild- oder Videoaufnahmen oder abstrakte Daten über Unternehmensprozesse. Unsere Projekte reichen dabei von virtuellen Remote-Trainings für den Einsatz in der Automobilbranche über Feuchtigkeitsprognosen für Flachdächer bis hin zur interaktiven Digitalisierung von Kinderbüchern mit klima­relevanten Inhalten. Wir haben drei thematische Forschungssäulen. KI auf Bildern (auch Maschinelles Sehen genannt), KI auf Texten (Natural Language Processing, semantische Textanalyse, Textmining) und KI auf Zeitreihen (time series analysis, Monitoring und Prognose). Dazu kommt ein Grund­lagenforschungsschwerpunkt, die statistische Verlässlichkeit von Methoden der Künst­lichen Intelligenz. Denn wir müssen uns sicher sein, dass die Ergebnisse auch zuverlässig sind.

Ein sehr aktuelles und interessantes Projekt beschäftigt sich mit der Verbreitung von Aerosolen und dem Abschätzen des An­­steckungsrisikos in Flugzeugen, Supermärkten, Klassenräumen und Co. Hier sind wir Partner in einem großen Fraunhofer-Konsortium mit 15 weiteren Fraunhofer-Instituten. Im Projekt „Avator“ („Anti-Virus-Aerosol: Testing, Operation, Reduction“) simulieren und analysieren die Wissenschaftler, wie sich die Viren in Innenräumen ausbreiten und auf welche Weise man die Raumluft effektiv reinigen kann.

Inwiefern können Kärntner Unternehmen von KI4LIFE profitieren?

Es gibt einen KI4LIFE-Digitalisierungs-Scheck, der speziell und nur von Kärntner KMU in Anspruch genommen werden kann. Dieser umfasst zehn Tage Beratungs- und Entwicklungsleistung von Fraunhofer bei einem Digitalisierungsvorhaben. Die KMU können sich in einem einfachen Verfahren mit einem Projektvorschlag um einen ­solchen Scheck bewerben. Die Kosten für diese zehn Tage sind zu 100 Prozent durch diesen Scheck gedeckt.
Außerdem haben wir ein Schulungscurriculum mit Fokus auf Mitarbeiter von Unternehmen entwickelt – mit verschiedenen Kursen zu Data Science, Python, Daten­visualisierung. Auch speziell für die Geschäftsführer und Manager haben wir einen Kurs entwickelt, der in das Thema der Künst­lichen Intelligenz einführt und dabei hilft, die Möglichkeiten für das eigene Unternehmen besser abzuwägen.

Mit welchen Unternehmen und Institutionen wird bzw. wurde bereits zusammengearbeitet und in welcher Form?

Wir haben laufende Projekte mit Unternehmen wie Fleischmann & Petschnig Dach­deckungs-Gesellschaft m.b.H., mit Infineon und mehreren Kärntner mittelständischen Unternehmen. Darüber hinaus haben wir mehrere öffentlich geförderte Forschungs­projekte, in denen wir aktuell z. B. mit der Universität Klagenfurt, mit den Lakeside Labs, mit der TU Graz, mit der Universität Innsbruck und der Pädagogischen Hochschule zusammenarbeiten. Weiters sind wir ständig mit den Forschungseinrichtungen und Unternehmen aus der Region im Gespräch, um Kooperationsmöglichkeiten zu sondieren und gemeinsame Aktivitäten zu starten. Es ist zwar schon einiges passiert seitdem wir in Kärnten vor Ort sind, aber das ist ja erst der Anfang.

Welche (Geschäfts-)Bereiche können besonders von KI profitieren?

Ich glaube, es gibt keinen Bereich, der nicht von KI profitieren kann, da die Einsatzmöglichkeiten so breit und vielfältig sind. Es ist halt immer ein Anfangsinvest nötig, man muss in den Wissensaufbau investieren, man muss Zeit investieren und man muss sich mit seinem Unternehmen und den eigenen Prozessen auseinandersetzen. Das Wichtigste ist, sich die Forschungs- bzw. aus Sicht des Unternehmers die Businessfrage zu stellen und diese zu konkretisieren, die ich mit Hilfe der Datenanalyse und letzten Endes mit Verfahren der sogenannten Künstlichen Intelligenz beantworten möchte.
In einigen Bereichen ist der Einsatz sicher leichter möglich und kann schneller umgesetzt werden als in anderen, vor allem wenn es bereits erfolgreiche Umsetzungsbeispiele gibt. Aber es lohnt sich in jedem Fall, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und das Potenzial einmal abzuschätzen. Wir stehen da gerne auch ganz unverbindlich für Gespräche und erste Initiativen bereit.

„Die Einsatzmöglichkeiten der Künstlichen Intelligenz in der Medizin sind sicher sehr groß. Hier sehe ich ein großes Potenzial, da viele, sehr viele Daten vorliegen.“

Eva Eggeling, KI4LIFE-Leiterin

In welchen unserer Lebensbereiche spielt KI bereits jetzt eine große Rolle?

Vermutlich nehmen die meisten Menschen irgendwann im Laufe des Morgens ich Handy zur Hand, entsperren es mittels Gesichtserkennung, googeln zum Beispiel die Wettervorhersage und schreiben eine Nachricht, bei der die Autokorrektur genutzt wird. Hier haben wir schon mindestens dreimal KI benutzt. Aber auch wenn ich mir mit dem Navigationsgerät im Auto bei der Auswahl der Route zu meinem Zielort helfen lasse oder wenn ich im Internet bei einem großen Online-Händler bestelle und mich dabei von Kaufvorschlägen inspirieren lasse, profitiere ich von Methoden des Maschinellen Lernens oder des Deep Learnings, beides Methoden oder Teildisziplinen der Künst­lichen Intelligenz. Auch im medizinischen Bereich wird bereits KI angewandt, in dem der Arzt bei der Auswertung von MRT- oder Röntgen­bildern unterstützt wird. Es gibt Algorithmen, die darauf trainiert sind, potenziell (mit Krebszellen) befallenes Gewebe zu ­finden, und das mit einer enormen Genauigkeit, ohne jemals zu ermüden.

Welche zukünftigen Entwicklungen sind im Bereich KI zu erwarten?

Die Einsatzmöglichkeiten der Künstlichen Intelligenz in der Medizin sind sicher sehr groß. Hier sehe ich ein großes Potenzial, da viele, sehr viele Daten vorliegen. Wissenschaftler haben schon viel Erfahrung gesammelt mit KI-Verfahren in Pilotprojekten, um diese Daten zum Wohle des Menschen für die (frühe) Diagnose, Therapieempfehlung und individualisierte Medikamenten-Empfehlung zu nutzen. Aber hier ist auch noch viel Luft nach oben und es wird sich sicherlich hier noch viel bewegen. Auch die Suche nach noch unerkannten Hinweisen in den Blutwerten oder Bilddaten für bestimmte Krankheiten ist mit organisierten großen Datensammlungen, dem Wissen über die zugrundeliegende Mathematik und Rechenkapazität möglich. Wenn viele (natürlich anonymisierte) Informa­tionen über den Patienten, alles was man messen kann, und Krankheitsverläufe und erfolgreiche und nicht erfolgreiche Therapien bekannt sind, dann kann daraus unglaublich wertvolles Wissen gewonnen werden. Das würde das menschliche Gehirn, auch in Teams, allein aus Zeit- und Kapazitätsgründen niemals in diesem Maße schaffen können.

Aber auch in der Welt der Produktion sehe ich noch viel Potential. Ein Bereich, der mich persönlich auch sehr umtreibt, ist der Einsatz von KI für Umweltmonitoring oder allgemeiner noch für den Bereich der Bioökonomie. Ein strategisches Forschungsfeld bei KI4LIFE ist der Einsatz von KI für den digitalen Wald. Wir engagieren uns stark dafür, eine Plattform zu schaffen, mit verlässlichen, zertifizierten Trainingsdaten und Algorithmen, um das Thema Wald­monitoring voranzutreiben. Die Vision ist, dass eine gute Grundlage geschaffen wird, um zukünftig zahlreiche Smart Services zu entwickeln, die allen Playern rund um Wald und Forst die richtigen Daten und Analysen zur Verfügung stellen. Insbesondere das Ausweisen von CO2-Senken wird uns hier besonders interessieren. Wir müssen jedenfalls alle Werkzeuge und Gehirnzellen ­nutzen, um uns jetzt auch für solche klima­relevanten Themen einzusetzen, die uns helfen, jetzt richtig zu entscheiden, um auch in Zukunft noch einen gesunden Wald und eine gesunde Umwelt um uns herum zu haben. Hierbei arbeiten wir auch stark in einer strategischen Partnerschaft mit dem deutschen Fraunhofer-Institut IGD zusammen.

Es gibt Menschen, die sich vor KI „fürchten“. Wie würden Sie ihre Bedenken ausräumen?

Ich denke, Aufklärung und Transparenz sind hier unglaublich wichtig. Man muss die Methoden und Verfahren nachvollziehbar darstellen und erklären. Alles was mysteriös klingt, kann auch Ängste auslösen. Die Vorschläge, die ein Computer mit Hilfe der KI-Algorithmen, also mit der Mathematik, macht, müssen zumindest im Prinzip möglichst nahvollziehbar sein. Und man sollte die KI als Unterstützung des Menschen sehen, zur Entscheidungsunterstützung für den Entscheider Mensch. Es ist ganz wichtig zu betonen, dass die letzte Entscheidung beim Menschen liegt. Ich bekomme einen Vorschlag für die nächste Netflix-Serie, aber ich kann diesen auch verwerfen, wenn er nicht passend erscheint. Der Mediziner erhält Unterstützung bei der Auswertung von MRT-Aufnahmen, aber die genaue Diagnose und die Therapie entscheidet der Arzt und bespricht den Behandlungsvorschlag mit dem Patienten. Ein weiterer Punkt sind die zahlreichen und wichtigen Aktivitäten zu einem ethisch korrekten und vertrauensvollen Umgang mit KI-Verfahren. Das sind wichtige Aspekte und hier gibt es viel Bewegung auf EU Ebene.

Eva Eggeling ist Leiterin des Innovationszentrums KI4LIFE von Fraunhofer Austria. © KI4LIFE
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