Kathrin Zerza, Coachin und Mentorin für Lehrlinge im Tourismus, Kärnten
© Skillsaustria
Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels rückt die Lehrlingsausbildung immer mehr in den Fokus von Betrieben bzw. des gesamten Wirtschaftsstandorts. Beeindruckende Erfolge bei Lehrlingswettbewerben, Staatsmeisterschaften und internationalen Wettbewerben wie den EuroSkills machen deutlich: Das Image der Lehre befindet sich im Aufwind – und hochqualifizierte, spezialisierte Arbeitskräfte sind gefragter denn je. Im Gespräch mit advantage beleuchten Expert:innen aus Kärnten und der Steiermark aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen im Ausbildungsbereich.
Auf die Extrameile kommt es an
Kathrin Zerza engagiert sich intensiv für die Förderung junger Fachkräfte in der Gastronomie und Hotellerie. Ihre Karriere startete sie mit einer Lehre zur Restaurantfachfrau. Nach mehreren Jahren im Servicebereich im In- und Ausland und einem Studium der Ernährungspädagogik unterrichtet sie nun an der Fachberufsschule für Tourismus Warmbad Villach. Zudem ist sie als Coachin, Mentorin und Jurorin bei Wettbewerben wie den AustrianSkills und EuroSkills tätig, hat früher selbst an internationalen Berufsmeisterschaften teilgenommen und wurde 2010 Europameisterin im Restaurantservice. Als Schlüsselfaktor, um junge Auszubildende zu motivieren, nennt Zerza Vorbilder. „In Kärnten gibt es viele talentierte junge Menschen, die bereits große Erfolge vorweisen können. Damit zeigen sie, was man mit einer Lehre erreichen kann und inspirieren andere Jugendliche.
Ebenso wichtig ist auch, als Ausbilder:in Vorbildfunktion zu übernehmen – indem man mit Herzblut dabei ist und authentisch bleibt.“ Hinter einer der größten Herausforderungen im Ausbildungsbereich sieht Zerza ein gesellschaftliches Problem: „Inzwischen entsteht fast überall, vor allem auf Social Media, der Eindruck, dass man mit wenig Aufwand viel erreichen kann – was viele Jugendliche glauben. Die Wahrheit sieht jedoch anders aus: Diejenigen, die bereit sind, die Extrameile zu gehen und dranbleiben, auch wenn sie einmal scheitern, sind diejenigen, die weiterkommen. Umso wichtiger sind Vorbilder und Mentor:innen, die Jugendlichen dies vermitteln und sie aufbauen.“ Auch bei Berufswettbewerben ist Ausdauer das A und O: „Wer über Durchhaltevermögen verfügt, hat am Ende Erfolg.“
Kathrin Zerza, Coachin und Mentorin für Lehrlinge im Tourismus, Kärnten
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Lob, Kommunikation und klare Perspektiven
Manfred Vallant ist Geschäftsführer und Ausbilder an der Technischen Akademie (TAK) in St. Andrä im Lavanttal. Neben der kontinuierlichen Modernisierung der Ausbildungsinfrastruktur für junge Menschen setzt sich Vallant für die Förderung von Mädchen in technischen Berufen ein. Mit Initiativen wie „Girls Go Technik“ möchte er traditionelle Rollenbilder aufbrechen und mehr junge Frauen für Technik begeistern. Worin er die größten Herausforderungen im Umgang mit jungen Menschen sieht? „Da Jugendliche oft noch auf der Suche nach Orientierung und beruflicher Identität sind, erfordert der Umgang mit jungen Menschen viel Geduld und Verständnis. Junge Menschen benötigen Unterstützung, um Verantwortung zu übernehmen und realistische Erwartungen zu entwickeln. Die Herausforderung liegt darin, ihre Bedürfnisse mit den Anforderungen der Ausbildung in Einklang zu bringen und gleichzeitig ihre Motivation zu fördern.“
Diese Motivation entsteht Vallant zufolge aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren: „Um junge Talente langfristig zu begeistern, sind praxisorientierte Ausbildungsmethoden und klare Entwicklungsperspektiven entscheidend. Abwechslungsreiche Aufgaben und die Integration modernster Technologien wecken Interesse und fördern die Begeisterung für den Beruf. Zudem tragen Lob und gezielte Entwicklung dazu bei, dass sich das Selbstbewusstsein der Lehrlinge steigert und sie sich kontinuierlich weiterentwickeln. Auch ein gutes Arbeitsumfeld, in dem Teamarbeit und offene Kommunikation gefördert wird, schafft eine gute Grundlage für den Erfolg der Fachkräfte von morgen.“
Manfred Vallant, Geschäftsführer TAK St. Andrä im Lavanttal
© TAK
Qualität als Wettbewerbsfaktor
Christian Kolbl leitet die Lehrlings-, Meisterprüfungs- und Ingenieur-Zertifizierungsstelle der WKO Steiermark. Bei der Entwicklung der Lehrausbildung stechen für Kolbl folgende Aspekte hervor: „Auffällig ist die zunehmende Integration von Technologie in viele Berufe. Digitale Kompetenzen sind heute unverzichtbarer Bestandteil nahezu jeder Ausbildung. Auch Soft Skills sind inzwischen so wichtig wie das Fachwissen selbst und werden deshalb gezielt gefördert. Ein weiterer Trend: module Lehrberufe, durch die Auszu bildende ihre berufliche Richtung nach Interesse und aktuellen Entwicklungen anpassen können.“
In einem wettbewerbsintensiven Umfeld ist auch die Qualität der Ausbildung entscheidend, wie Kolbl betont. Monitoring, Feedbacksysteme und standardisierte Lehrabschlussprüfungen tragen dazu bei, die Ausbildungsqualität hoch zu halten. „Für junge Menschen ist der Sinn ihrer Arbeit ein entscheidender Faktor“, betont Kolbl. „Sie möchten wissen, warum sie etwas tun und welchen Beitrag ihre Arbeit leistet. Unternehmen müssen Werte und Visionen klar kommunizieren, denn der Wettbewerb um Lehrlinge wird zunehmend intensiver. Deshalb nutzen viele Firmen soziale Medien, Schulbesuche und Lehrlingsmessen, um ihr Ausbildungsangebot zu präsentieren. Die Qualität der Ausbildung und die Attraktivität des Unternehmens spielen dabei eine zentrale Rolle. Dazu zählen flexible Arbeitszeiten, ein angenehmes Arbeitsumfeld und moderne Technik, aber auch Wertschätzung, Mitgestaltungsmöglichkeiten, Verantwortung und Entwicklungsperspektiven. Zudem müssen Unternehmen die Sozialkompetenzen ihrer Auszubildenden fördern und ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen. Wichtig ist auch, dass Ausbilder:innen, die mit den jungen Menschen arbeiten, sich kontinuierlich fort- und weiterbilden, um eine bestmögliche Betreuung zu gewährleisten.“
Christian Kolbl, Leiter Lehrlingsstelle der WKO Steiermark
© Kanizaj
WISSENSWERT
Mit über 200 unterschiedlichen Lehrberufen zeigt die duale Ausbildung ihre Vielfältigkeit. Zählt man die unterschiedlichen Module, Schwerpunkte und Spezialisierungen zusammen, entstehen über 500 Auswahlmöglichkeiten.