„Wir sehen Nachhaltigkeit als eine Chance und nicht als das Problem, denn das bringt uns zu mehr Innovation.“
„Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit gehen Hand in Hand“
Im Zukunftsgespräch mit advantage spricht Maria Kollmann über Europa, die Bedeutung von Kollaboration und warum das Thema Nachhaltigkeit ganzheitlich betrachtet werden muss.
advantage: 30 Jahre Österreich in der EU: Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für den Wirtschaftsstandort?
Maria Kollmann: Der Europagedanke ist extrem wichtig. Er war immer wichtig und muss weiterhin wichtig bleiben. Ein großes Thema ist derzeit die Wettbewerbsfähigkeit. Wir wissen, wir sind in Österreich, in Europa – aufgrund der hohen Lohn- und Energiekosten, aber auch aufgrund der vielen Regularien und der überbordenden Bürokratie – im globalen Wettbewerb strukturell benachteiligt. Da muss einerseits die Politik etwas tun. Andererseits glauben wir, dass man nur mit Innovation und Forschung punkten kann. Und da müssen wir gemeinsam ansetzen, denn eine weitere Produktionsverlagerung darf nicht passieren!
Stichwort Mobilitätswende: Wie kann die Transformation gelingen?
Wir müssen offen sein in alle Richtungen. Mobilität wird oft nur mit Fahrzeugen in Verbindung gebracht, doch wir müssen es ganzheitlich sehen – stets in Kombination mit Energiebereitstellung, Ressourcenverfügbarkeit und Digitalisierung – systemisch und sektorübergreifend. Das gilt auch für das Thema Nachhaltigkeit, d. h. bezogen auf den gesamten Lebenszyklus: von der Produktion über die Anwendung inklusive Recycling. Am AVL Battery Innovation Center in Graz arbeiten wir daran, den Fertigungsprozess von Batterien zu optimieren und den CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Wir sehen Nachhaltigkeit als eine Chance und nicht als das Problem, denn das bringt uns zu mehr Innovation und zu innovativeren Geschäftsmodellen. Es ist ein Paradigmenwechsel. Aber wir dürfen Nachhaltigkeit nicht ohne die Wettbewerbsfähigkeit denken!
Welche Rolle spielt die Wasserstoff-Technologie?
Wir arbeiten bei AVL entlang der gesamten Wasserstoff-Wertschöpfungskette – von der Erzeugung bis zur Anwendung. Unser Fokus liegt derzeit bei der Wasserstofferzeugung durch Elektrolyse, speziell für schwer elektrifizierbare Bereiche, d. h. Industrie und chemische Prozesse. In der SOEC-Hochtemperatur-Elektrolyse sehen wir enormes Potenzial. Wir wenden Wasserstoff aber auch an, etwa bei den Antrieben. Luftfahrt und Schifffahrt sind große Themen, sowie stationäre Anwendungen für Energie. In diesen Bereichen, so glauben wir, wird Wasserstoff eine Schlüsselrolle für eine nachhaltige Zukunft spielen.
AVL ist eines der Gründungsunternehmen des AC Styria Mobilitätsclusters, der heuer sein 30-jähriges Jubiläum feierte. Wie wichtig ist der Faktor Kollaboration?
Kollaboration hat für uns als AVL einen hohen Stellenwert – sowohl auf vertikaler, als auch auf horizontaler Ebene. Denn die Themen unserer Zeit sind zu komplex, um sie allein anzugehen. Vertikal umfasst die Zusammenarbeit über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg – mit Industrie, KMUs, Wissenschaft, Politik, aber auch in den Clustern – wie AC Styria, der uns als Gründungsmitglied besonders am Herzen liegt. Wir glauben, dass der gesamte Südraum durch die Synergieeffekte aus der Automobilindustrie auch in anderen Branchen wie Luft- und Bahnfahrt profitiert. Und das zweite ist die horizontale Ebene, nämlich mit den Mitbewerbern zu kooperieren im vorwettbewerblichen Bereich – insbesondere auf europäischer Ebene bei kollaborativen Forschungsprojekten. Das funktioniert extrem gut und hilft sowohl den Einzelstaaten wie Österreich, als auch Europa als Gesamtes.
„Die Koralmbahn ist extrem wichtig. Das öffnet uns wieder, denn es geht um den gesamten Süden!“
Wie wirkt sich Vielfalt auf den Unternehmenserfolg aus?
AVL beschäftigt rund 12.200 Mitarbeiter:innen an über 90 Standorten in 30 Ländern. Allein in Graz arbeiten 4.000 Mitarbeiter:innen aus 50 Nationen für eine grünere, sicherere und bessere Welt der Mobilität. Wir sind davon überzeugt, dass wir uns global aufstellen müssen, um von der Stärke der Vielfalt (sprich: unterschiedliche Länder, aber auch Frauen und Männer unterschiedlichen Alters) zu profitieren. Wir merken deutlich: Diverse Teams sind kreativer und damit innovativer, weil sie unterschiedliche Blickwinkel einbringen.
Welche Bedeutung hat die Förderung von Frauen in der Technik bei AVL?
Wir sind in einer Branche tätig, in der es nach wie vor zu wenige Frauen gibt. AVL tut da einiges und wir sehen das vielschichtig. Einerseits disziplinarisch und fachlich. Da haben wir immer mehr Frauen, die Business Field Leader, z. B. im Bereich ADAS und Automatisiertes Fahren oder auch Lead Engineers sind. Um mehr Mädchen für technische Berufe zu begeistern, müssen wir andererseits bereits frühzeitig aufzeigen, was möglich ist. Es gilt, speziell die MINT-Fächer von Kindesbeinen an zu stärken. AVL betreibt in Graz einen internationalen Kindergarten am Firmengelände und setzt dahingehend einen großen Schwerpunkt. Wir sind davon überzeugt, dass wir den Samen von Anfang an setzen müssen!
Nachhaltigkeit im Fokus: Am AVL Battery Innovation Centerin in Graz wird daran gearbeitet, den Fertigungsprozess von Batterien zu optimieren. Fotos: © AVL
WISSENSWERT
Bei AVL stehen die Entwicklung, Simulation und das Testen in der Automobilindustrie und in anderen Branchen wie Bahn, Schifffahrt und Energie im Fokus. Basierend auf umfassenden eigenen Forschungstätigkeiten, liefert AVL Konzepte, Technologielösungen, Methodiken und Entwicklungswerkzeuge für eine grüne, sichere und bessere Welt der Mobilität und darüber hinaus.