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Wirtschaft
29.01.2026

Neue Dynamik für Süd­österreich

Durch die Fertigstellung der Koralm­bahn wandelt sich die Mobi­lität, aber auch der Wirtschafts- und Lebens­raum in Kärnten und der Steier­mark grundlegend.

Eric Kirschner von JOANNEUM RESEARCH hat mehrere Studien rund um den Wirtschaftsraum Südösterreich publiziert und die Auswirkungen der Koralmbahn auf Kärnten und die Steiermark untersucht. Im Gespräch mit advantage wirft er einen Blick in die Zukunft eines sich neu formierenden Wirtschafts- und Lebensraums.

advantage: Wie wird sich das Mobilitätsverhalten in Südösterreich verändern?

Eric Kirschner: Die Koralmbahn ist mit Sicherheit das größte sozialökonomische Experiment in Österreich seit dem Jahr 1854, dem Jahr, in dem Carl Ritter von Ghega die Bahnstrecke über den Semmering eröffnete. Mit der höheren Geschwindigkeit, den verbesserten Erreichbarkeitsverhältnissen setzte der Tourismus ein, Adel und Bürgertum entdeckten die Sommerfrische für sich. Ähnliche Effekte werden wir in der neuen urbanen Agglomeration Graz/Klagenfurt-Villach erleben. Die rund 1,1 Mio. Einwohner:innen können am Vormittag in Kärnten an den Seen baden gehen und am Abend in die Oper nach Graz kommen. Der gesamte Lebensraum wird gestärkt werden.

Welche Auswirkungen sind auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu erwarten?

Für Beschäftigte dehnt sich durch die neue Südbahn der Suchradius aus. Für sie wird es möglich, neue Arbeitsplätze in derzeit nicht in Tagespendlerdistanz liegenden Regionen anzunehmen. Die Möglichkeiten, eine adäquate Beschäftigung zu finden, steigen signifikant und dies in beiden Bundesländern. Die Pendlerströme zwischen den einzelnen Regionen entlang der Koralmbahn werden sich signifikant erhöhen, wobei die Effekte bei Reisezeiten bis zu 40–50 Minuten am höchsten sein werden. Der geschätzte mittlere Anstieg der Pendelverflechtungen beträgt knapp 35 %.

„Die Möglichkeiten, eine adäquate Beschäftigung zu finden, steigen signifikant und dies in beiden Bundesländern.“

Eric Kirschner

Wie wird sich die Demografie entwickeln?

Durch das Koralmtunnel-Projekt ergibt sich die große Chance, den negativen demografischen Trend in der Region Südösterreich zu brechen. Eine quantitative Modellschätzung der direkten und indirekten Effekte, die sich mit der Eröffnung der Koralmbahn für die urbane Agglomeration Graz-Klagenfurt – vor allem aber für die jeweiligen Regionen, die steirischen und Kärntner Gemeinden – ergeben, zeigt einen signifikant positiven Zusammenhang zwischen dem Infrastrukturausbau und der Bevölkerungsentwicklung. Das Vorhandensein eines Bahnhofs geht mit einem um 2,86 %-Punkte höheren Bevölkerungswachstum einher. Der Zugang zu einem Bahnhof erhöht das erwartete Bevölkerungswachstum um knapp zwei Prozent.

Welche Rahmenbedingungen und Voraussetzungen braucht es, damit die zu erwartenden Effekte auch eintreten?

Mit dem neuen Ballungsraum Graz-Klagenfurt entsteht der zweitgrößte Ballungsraum in Österreich neben Wien und ein bedeutender Ballungsraum selbst im internationalen Maßstab. Im deutschen Raum zählen nur Berlin, Wien, München, Hamburg und Köln mehr als eine Mio. Einwohner:innen. Auf Basis einer gemeinsamen Vermarktungsstrategie sollte die neue Agglomeration auch über die Grenzen Österreichs hinaus eine wirtschaftliche Strahlkraft entwickeln. Der mittel- bis langfristige Erfolg hängt maßgeblich von der Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte ab; die einzelnen Standorte sollten im Bereich Humankapital nicht in direkter Konkurrenz stehen. Übergreifende und strategische Kooperationen zwischen Universitäten, Hochschulen und Akteuren der Wirtschaft müssen angestrebt werden.

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