„Die Koralmbahn schafft Mobilität, Effizienz und ein größeres Einzugsgebiet – riskiert aber, regionale, sohin ländliche Strukturen zu schwächen.“
Neue Wege für die Rechtsanwaltschaft
Besonders im juristischen Bereich zeigt sich, wie sich verbesserte Mobilität und wirtschaftliche Dynamik auf die Nachfrage nach Nachwuchs im Arbeitsmarkt, sohin auch den Rechtsanwaltsanwärtern auswirken kann und welche Chancen und Perspektiven sich daraus für die Nachwuchsförderung ergeben. Die tägliche Reisezeit zwischen den beiden Landeshauptstädten verkürzt sich auf weniger als 45 Minuten. Damit wird es möglich, in Graz zu leben, aber in Klagenfurt zu arbeiten – oder umgekehrt. Bewerbungen sind nicht länger auf eine Region beschränkt, und die Auswahl an Ausbildungsplätzen wird wachsen. Wer bisher aus räumlichen Gründen Kompromisse eingehen musste, kann unter Berücksichtigung weiterer Entfernung Karriereentscheidungen treffen.
Work on Train
Die Kärntner Rechtsanwälte haben leichter Zugriff auf fundierte und qualifizierte Bewerber von beiden Seiten der „Pack“. Gleichzeitig wird es notwendig sein auch die Arbeitsbedingungen der Rechtsanwaltsanwärter anzupassen und vermehrt flexible Arbeitszeitmodelle einzuführen, sowie Home Office breiter zu ermöglichen und der Faktor „Work on Train“ wird an Bedeutung gewinnen. Aber auch das tägliche Leben vieler Rechtsanwaltsanwärter könnte sich spürbar verändern. Kürzere Wege zwischen Wohn- und Arbeitsort schaffen Zeit für Familie, Freizeit oder persönliche Weiterbildung. Gerade für Rechtsanwaltsanwärter, deren Ausbildung mit langen Arbeitstagen verbunden ist, eröffnet sich dadurch die Möglichkeit, Beruf und Privatleben besser in Einklang zu bringen. Eine ausgewogenere Work-Life-Balance wird damit zu einem greifbaren Ziel, nicht nur zu einem Ideal. Auch der fachliche Austausch profitiert von der neuen Verbindung. Für steirische Rechtsanwaltsanwärter wird es künftig deutlich einfacher, die umfangreichen Fortbildungsangebote der Kärntner Rechtsanwaltskammer wahrzunehmen.
Chance oder Dilemma?
Die Vorteile und positiven Aspekte sind offensichtlich, gibt es jedoch auch negative Umstände. Für viele ländliche Kanzleien in Regionen wie der Obersteiermark, dem Raum Mittelkärnten und Oberkärnten bedeutet die neue Mobilität eine ernsthafte Herausforderung. Rechtsanwaltsanwärter könnte es zunehmend in die Städte/Ballungszentren ziehen, wo Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten meist um ein Vielfaches attraktiver sind. Kanzleien am Land kämpfen ohnehin mit Nachwuchsmangel – die Koralmbahn könnte diesen Trend weiter verschärfen. Die Koralmbahn steht damit auch für ein Dilemma der modernen Rechtsanwaltschaft: Sie schafft Mobilität, Effizienz und ein größeres Einzugsgebiet – riskiert aber, regionale, sohin ländliche Strukturen zu schwächen. Damit die Koralmbahn ihr volles Potenzial entfalten kann, sind Politik und Unternehmertum gefordert. Infrastruktur allein schafft noch keine nachhaltige Entwicklung.