Bildung

Persönlichkeiten aus der Wirtschaft als Coaches für ältere Jobsuchende

Ältere Arbeitnehmer, die lange in ein und demselben Unternehmen tätig waren und dann ihren Job verlieren, sind es oft nicht gewohnt, ihre eigenen Stärken und Erfahrungen zu präsentieren. Genau hier setzt ein Pilotprojekt in Villach an.

Im Mai startete in Villach das Pilotprojekt namens Karriere-Guiding, das nun ein halbes Jahr läuft. Es ist eine neue Initiative für ältere Jobsuchende, die in mehreren Durchgängen bereits erfolgreich in der Steiermark durchgeführt wurde. Geschäftsfeld-Leiterin Martina Schröck (FAB Region Süd, Verein zur Förderung von Arbeit und Beschäftigung) ist für die Umsetzung zuständig, den Auftrag dazu erteilten Land Kärnten und Arbeitsmarktservice (AMS), die das Projekt auch finanzieren. 30 ältere Arbeitslose dürfen jetzt teilnehmen.

Coaching bei der Jobsuche

Das Projekt baut auf drei Säulen auf. Ältere Arbeitslose über 50 Jahren (Guidees) werden mit Führungspersönlichkeiten bzw. Personal-Verantwortlichen (Guides) zusammengebracht. Sie begleiten ihre Schützlinge bei der Jobsuche und coachen sie dabei. Schröck: „Einmal im Monat gibt es eine Sitzung in Kleingruppen zu sechs Personen mit den ehrenamtlichen Guides. Diese ist sehr praxisnah angelegt und lebt sehr vom Input des Guides. Es gibt für die Guidees Feedback zu Bewerbungsunterlagen, man identifiziert Potentiale, arbeitet Stärken und Talente heraus und so werden auch Netzwerke aufgebaut.“

Martina Schröck

ist verantwortlich für das Projekt Karriere-Guiding.

Akademie für Zielgruppe

Zusätzlich zu den Guiding-Sitzungen gibt es als zweite Säule auch individuelles Coaching durch FAB-Mitarbeiter. Dabei wird auch mit einem Online-Tool gearbeitet, in dem Lebens- und Berufserfahrung des Teilnehmers erfasst werden, und das dann tagesaktuelle Joblinks „ausspuckt“, maßgeschneidert auf den Teilnehmer und aus allen Jobportalen. Und die dritte Säule ist die Karriere-Guiding-Akademie mit Modulen, Workshops und Seminaren speziell für die Zielgruppe – zu Themen wie Rhetorik, Social Media, Kommunikation, Präsentation, Stress-Resilienz etc.

Fünf Guides in Villach

Die regionalen AMS-Geschäftsstellen wählen die Guidees aus, der FAB ist bemüht, Guides aus verschiedensten Branchen zu finden – auch aus dem öffentlichen und halb-öffentlichen Bereich. In Villach beim Start als Mentoren dabei: Claudia Peters (Personalberatung und Entwicklung, Diakonie de La Tour), Thomas Bodner (Stadt Villach, Abteilungsleiter Personalmanagement), Horst Niederbichler (Geschäftsführer der Villacher Saubermacher GmbH), Horst Freunschlag (LKH Villach, Leiter Abteilung Betriebe) und Adolf Melcher (Geschäftsführer Kelag Energie & Wärme).

Sehr wertschätzend

In der Steiermark startete das Projekt bereits 2019 – mit einer Vermittlungsquote nach dem Karriere-Guiding von guten 50 Prozent (2020 waren es trotz Corona über 40 Prozent). Schröck über die bisherigen Rückmeldungen der „sehr zufriedenen“ Teilnehmer aus der Steiermark: „Es ist ihnen klar, dass das ein Premium-Programm ist, dass sich Persönlichkeiten aus der Wirtschaft extra für sie Zeit nehmen. Das Programm wird auch als sehr wertschätzend erachtet.“

Netzwerken

Eines wird den Teilnehmern natürlich sofort vermittelt: Sie dürfen sich nicht erwarten, dass sie in dem Betrieb, in dem der Guide sitzt, einen Job bekommen. Trotzdem: Das Netzwerk der Guides hilft. „Und wenn uns Stellen auffallen, denken wir natürlich immer sofort an die Teilnehmer“, spricht Schröck von ihren FAB-Kollegen. „Wir werden mittlerweile auch von Unternehmen auf unsere Teilnehmer angesprochen.“

Hohe psychische Belastung

Bei der Jobsuche auffällige Schwierigkeiten der älteren Arbeitslosen gibt es „leider sehr viele“: „Ältere sind sehr stark von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen. Ihr Selbstwert leidet. Es handelt sich oft um Personen, die Ewigkeiten in einem Arbeitsverhältnis standen, das plötzlich abbricht. Das kommt einer Traumatisierung gleich. Dann werden sie bei Bewerbungsverfahren aufgrund ihres Alters aussortiert. Oft erhalten sie nicht einmal eine Antwort. Sie fragen sich: Gibt es keinen Platz mehr für mich? Viele sprechen von hoher psychischer Belastung!“

Unwahrheiten

Schröck spricht Klartext: „Natürlich ist es wahr, dass Ältere laut Kollektivverträgen im Durchschnitt teurer sind. Klappt es dann mit dem Job, ist es fast unmöglich, wieder beim ursprünglichen Gehalt anzufangen. Stereotypen wie – nicht so flexibel, wollen sich nicht weiterbilden oder sind öfter krank – stimmen aber überhaupt nicht! Ist man um die 50 und geht einen neuen Job an, dann wird man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch in diesem Betrieb bleiben. Entscheidet man sich für Ältere, so erhält man eine viel höhere Berechenbarkeit und Loyalität.“ Schröck kennt aber auch Branchen, die oft bewusst Ältere suchen: Das sind jene, in denen es um gute Beratung geht – also Handel, Versicherungswesen, Verkauf und Vertrieb!

Guides

„Hinter jedem Arbeitslosen steckt ein Schicksal“

Anita Jurina hat beim ersten Durchgang in der Steiermark mitgemacht und wird auch bei der nächsten Runde in der Steiermark wieder dabei sein. Mit ihren Guidees hat sie nicht nur Lebensläufe analysiert und Bewerbungsschreiben verbessert, sondern auch eine Potentialanalyse durchgeführt, damit sich „die Teilnehmer ihrer Stärken bewusst werden“. „Diese Stärken haben wir dann herausgearbeitet. Womit können sie in einem Bewerbungsgespräch punkten? Ältere Jobsuchende haben teilweise ihr Selbstvertrauen verloren und sind sich ihrer Stärken nicht bewusst. Da ging es viel um Motivation.“ Heikle Fragen bei Bewerbungsgesprächen wurden genauso besprochen. Alle aus ihrer Gruppe haben danach einen Job ergattert.
Jurina empfand das Coaching als „irrsinnig wertvoll“:

„Man sieht, dass es unterschiedlichste Gründe gibt, warum Personen in die Arbeitslosigkeit schlittern. Es stecken unglaubliche Schicksalsschläge dahinter. Und es ist eine Bereicherung, zu sehen, wie man trotzdem einen Weg finden kann. Meine Gruppe war irrsinnig dankbar, dass man ihnen zuhört, sich Zeit nimmt.“ Jurina hofft, dass das Bild von Arbeitslosen in der Gesellschaft sich ändert. „Es gibt immer einen Grund für Jobverlust! Ein Karriere-Guiding würde jedem Personalverantwortlichen einmal gut tun. Ich empfehle es auch jedem Unternehmen, denn es bereichert mit neuen Erfahrungen und Sichtweisen!“

Sie selbst setzt – nach zwölf Jahren im Recruiting – auf das Kennenlernen des Bewerbers. „Am Ende entscheidet der Mensch!“ Gerade im Handel könne man es sich nicht leisten, ältere Bewerber auszuschließen: „Der Markt gibt das nicht her!“

 
Anita Jurina

Personalentwicklung / Recruiting, K & Ö Service GmbH

„Wichtige Zielgruppe für Recruiter!“

Im zweiten Durchgang in der Steiermark waren die beiden Spar-Mitarbeiter als Guides mit an Bord. Sie sagen rückblickend: „Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen 50 plus gelten zunehmend als wichtige Zielgruppe für Recruiter. Erfahrung, soziale Kompetenz, Disziplin und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – Eigenschaften, die in der Berufswelt gefragt sind. Wir durften bisher zwei Gruppen von Guidees unsere Erfahrungen zum Bewerbungsprozess weitergeben und den Teilnehmenden bei der Job-Akquise in einem sehr offenen Dialog mit Rat zur Seite stehen. Dabei haben wir sehr interessante Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen kennengelernt, was auch die Diversität in unserer Berufswelt widerspiegelt.“

Manuela Krenn (Leitung Personal) und Markus Wiessner (Filialgebietsleiter)

Spar Österreichische Warenhandels-AG

„Karriere-Guiding ändert den Blickwinkel“

Christian Becskei wurde von einem ehemaligen Guide für das Karriere-Guiding empfohlen, er war beim fünften Durchgang in der Steiermark dabei. „Neben den eher üblichen Ratschlägen zu Bewerbungsunterlagen und den Bewerbungsprozessen haben wir uns vor allem mit den Erfahrungen der Teilnehmer auseinandergesetzt. Wir haben versucht, Berufsbilder in Kombination mit den Lebenserfahrungen neu zu entdecken. Ebenso haben wir uns über die Kompetenzen der Personen ausgetauscht und diese auch mittels strukturierten Testungen sichtbar gemacht. Ziel war immer, ein besseres Bild der eigenen Situation zu schaffen.“

Auf ihn kamen teilweise sensible Fragestellungen zu – und verschiedene Situationen: „Hier bedarf es Zeit und Anleitung, um die eigene Situation und die bevorstehenden Veränderungen für sich selbst wahrzunehmen und vor allen anzunehmen. Es gibt Personen, die sich selbst aufgrund ihrer vergangenen Tätigkeiten als Leistungsträger bezeichnen würden, und nun im Zuge der Neuorientierung ihren Status nicht mehr halten werden können. Andere haben fast ihr gesamtes Berufsleben bei einem Unternehmen gearbeitet und müssen sich nun mit anderen Unternehmen oder Systemen befassen. Viele Teilnehmer wiederum haben ohne deren Verschulden ihren Job verloren und müssen erst wieder lernen, sich bei neuen Firmen zu bewerben. Auch wenn von Extern betrachtet die Hürden in dem einen Fall hoch und im anderen Fall fast nicht vorhanden sind, beschäftigen wir uns dennoch mit Feingefühl mit jedem Einzelschicksal und manchmal ist schon dieser gemeinsame Prozess im wahrsten Sinne Gold für die Teilnehmer wert.“

Becskei hat viele über die einzelnen Teilnehmer erfahren, kennt jetzt deren Geschichte – beruflich wie privat. „Ich begegne diesen Lebensgeschichten immer mit einer gewissen Demut und Neugierde.“ Und er hat auch selbst viel gelernt: „Das Karriere-Guiding ändert zwangsläufig den Blickwinkel, da man sprichwörtlich den Weg gemeinsamer geht. Dieser Perspektivenwechsel hilft auch ungemein, die eignen Prozesse im Unternehmen zu verbessern.“ Wie geht er selbst bei Knapp damit um? „Wir sind ein stark wachsendes Technologieunternehmen und daher immer auf der Suche nach engagierten Mitarbeitern. Das Alter der Personen spielt bei uns nicht wirklich eine entscheidende Rolle. Wir freuen uns vielmehr, wenn wir Personen mit Berufserfahrung in unserem Team begrüßen dürfen. Deren Lebenserfahrungen bringen oft spannende Blickwinkel in unsere Teams und das schätzen wir.“

Was sind für ihn die wichtigsten Eigenschaften, die ein Bewerber abseits der Qualifikation mitbringen muss? „So einfach die Frage ist, so schwer ist sie auch. Die meisten Personalisten werden rückmelden, dass das Engagement ganz oben auf der Wunschliste steht. Einsatzbereitschaft, Lernwilligkeit und die eine Freude auf neue Tätigkeiten, Abläufe und Möglichkeiten, damit stechen neue Mitarbeiter in den meisten Unternehmen heraus. Ein neuer Job ist immer auch in gewisser Weise ein Neuanfang und Erfahrungen aus der Vergangenheit stärken einem den Rücken, sie sind aber kein Garant für zukünftige Herausforderungen. Wer es also schafft, sich für Neues zu öffnen und mit einem Maximum an Leidenschaft, Neugierde und auch Tatkraft den gestellten Herausforderungen zu widmen, der wird es auch in einem neuen Job entwickeln können. Um ein Gefühl eben für die Person an und für sich und deren Persönlichkeit zu bekommen, ist eben genau jene Authentizität, die sich Personalisten von Bewerbern wünschen, so wichtig.

Bewerbungsgespräche sind ein Meilenstein in einem Bewerbungsprozess und an diesem Gespräch hängen Wünsche, Hoffnungen und oftmals auch Ängste. Gerade die Teilnehmer am Karriere-Guiding stehen nach vielen Jahren des beruflichen Erfolges wieder am Anfang. Sie wollen und müssen teilweise wieder beruflich durchstarten. Wenn sie bereits Monate der Arbeitslosigkeit hinter sich haben, arbeiten wollen, aber keinen Job finden, dann ist es gar nicht mehr einfach, einem Bewerbungsgespräch offen und authentisch zu begegnen. Auch wenn das der Schlüssel zum Erfolg wäre.“

Christian Becskei

Head of Human Resources, Knapp Systemintegration GmbH

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