„Kärnten ist österreichweit das einzige Bundesland, das die Pflegenahversorgung in dieser Dichte umsetzt.“
Pflegenahversorgung in Kärnten zu über 90 Prozent abgedeckt
Als eines der Kernelemente der Kärntner Pflegepolitik setzt die Pflegenahversorgung bewusst auf Prävention und frühe Unterstützung. Seit 2019 stehen Pflegenahversorger:innen als erste Anlaufstelle für Pflege-, Betreuungs- und Sozialfragen zur Verfügung. Mit aufsuchender Beratung, guter Vernetzung und gezielter Weitervermittlung tragen sie dazu bei, Versorgungsbedarf frühzeitig zu erkennen und passende Hilfsangebote bereitzustellen. „Mittlerweile sind 119 Gemeinden und damit über 90 Prozent aller Kärntner Kommunen Teil der Pflegenahversorgung. Unser Ziel ist klar: frühzeitig helfen, damit Menschen möglichst lange selbständig in ihrem vertrauten Umfeld leben können“, so Pflege-Landesrätin Beate Prettner.
Aktuell schreitet der Ausbau der Pflegenahversorgung weiter voran: Alle Bezirke außer St. Veit sind bereits flächendeckend versorgt, der Bezirk Spittal wurde zuletzt vollständig erschlossen. In Friesach und Metnitz steht die Pflegenahversorgung kurz vor dem Start – womit dann 121 Gemeinden abgedeckt wären. Mit den Statutarstädten Klagenfurt und Villach laufen derzeit Gespräche über eigene stadtteilorientierte Modelle, die an die jeweilige urbane Struktur angepasst werden. Prettner: „Kärnten ist österreichweit das einzige Bundesland, das die Pflegenahversorgung in dieser Dichte umsetzt.“
Win-Win für alle Seiten
Derzeit sind 52 Frauen und ein Mann in der Pflegenahversorgung tätig. Für das Jahr 2026 werden dafür 3,2 Millionen Euro aus dem Pflegefonds bereitgestellt. Seit 2025 entfällt zudem der Finanzierungsanteil der Gemeinden vollständig – das bedeutet eine jährliche Entlastung der Kommunen von rund 1,6 Millionen Euro. Günther Vallant, Gemeindebund-Präsident und Bürgermeister der Gemeinde Frantschach-St. Gertraud, betont, dass Pflegenahversorgung auf lange Sicht die Kosten in der Pflege senkt, auch für die Gemeinden: „Es ist ein Win-Win für alle Seiten: Frühzeitige Unterstützung im gewohnten Wohnumfeld steigert die Qualität der Betreuung für Betroffene und deren Angehörige – und sie verbleiben im Schnitt länger zu Hause, was teurere stationäre Unterbringungen hintanhält und damit die öffentlichen Haushalte entlastet.“
Zudem sei die Pflegenahversorgung auch eine enorme Erleichterung für die Mitarbeitenden im Gemeindeamt: „Früher wandten sich Betroffene mit Pflege-Fragen oft an die Mitarbeitenden im Amt, die allerdings keine Pflegeprofis sind. Durch die aufsuchende Unterstützung daheim ersparen sich die Betroffenen den Weg zum Amt. Die Pflegeexpert:innen sehen sich dabei genau die jeweilige Situation vor Ort an und nehmen auch die Angehörigen mit, was ungemein wertvoll ist,“ so Vallant.
Prävention, die wirkt
Wie hoch der Bedarf ist, zeigt sich durch die Nutzung des Versorgungsangebotes: „In den letzten 16 Monaten wurden rund 9.000 Personen begleitet – etwa 350 Betreute pro Vollzeit-Pflegenahversorger:in“, so Prettner. Insgesamt gab es rund 119.000 Interventionen, also durchschnittlich 13 pro betreuter Person. Am meisten nachgefragt werden Informationen zu Pflege- und Unterstützungsangeboten, Hilfe bei Pflegegeld-Anträgen, die Entlastung von pflegenden Angehörigen sowie Nachschau-Besuche, um die Wirksamkeit der vermittelten Hilfen zu überprüfen. Die Entwicklung der Pflegegeld-Statistik stützt den präventiven Ansatz: 54 Prozent beziehen Pflegegeld der niedrigen Stufen 1 oder 2 – innerhalb Österreichs mittlerweile der höchste Anteil. „Frühe Beratung durch die Pflegenahversorgung verzögert hohe Pflegebedürftigkeit“, wie Prettner betont.
Menschlichkeit im Einsatz
Eine tragende Rolle in der regionalen Versorgung übernimmt zudem das Ehrenamt: Kärntenweit werden über 600 Ehrenamtliche von den Pflegenahversorger:innen koordiniert, die mit Besuchsdiensten, Einkaufs- und Fahrdiensten oder Begleitung im Alltag unverzichtbare Hilfe leisten – vor allem im ländlichen Raum. 2025 leisteten sie 37.000 Stunden, fuhren 480.000 Kilometer und absolvierten 18.600 Einsätze – ein enormer volkswirtschaftlicher Nutzen und ein wichtiger Beitrag gegen Vereinsamung und zur Stärkung der psychosozialen Gesundheit älterer Menschen.
„Frühe Beratung durch die Pflegenahversorgung verzögert hohe Pflegebedürftigkeit.“
Soziale Nähe als wichtige Stütze
Vereinsamung sei ein wesentliches Thema, wie Silvia Fellner betont: „Ich habe vor Jahren bei einem falschen Haus geläutet und eine ältere Dame öffnete die Türe. Sie war schockiert, dass sie jemand besuchen kommt, denn sie hatte wohl sehr selten jemanden zum Reden. Aus diesem Zufall entwickelte sich eine mittlerweile dreijährige ehrenamtliche Betreuung und auch medizinisch ist die Dame wieder gut versorgt,“ so die Pflegenahversorgerin aus dem Lavanttal. Fragen rund um mögliche Leistungen und wie entsprechende Anträge gestellt werden, zählen zu den häufigsten Anliegen in Fellners Arbeitsalltag. „Es melden sich auch viele Angehörige, die weiter entfernt wohnen, sich Sorgen machen und mich bitten, nach dem Rechten zu sehen. Oder Hausärzt:innen, die mich um soziale Beratung von Patient:innen bitten.“
Durch die Pflegenahversorgung sind in den letzten Jahren auch einige kulturelle Initiativen entstanden. „Das sind verschiedenste Veranstaltungsformate, um die soziale Interaktion der älteren Menschen zu stärken oder Angehörige zu informieren – von den Stammtischen für pflegende Angehörige über Gedächtnisreisen bis hin zu Herzmusik-Konzerten.“
Altern im Mittelpunkt
Aktuell liegt der Fokus auf dem flächendeckenden Ausbau sowie auf dem Modell „Altern im Mittelpunkt“ (AiM). „Dabei fungiert die Pflegenahversorgung als steuerndes Dach, unter dem mobile Dienste, Tagesbetreuung, betreutes Wohnen, kommunale Angebote und Ehrenamt eng miteinander verzahnt werden – sie hilft mit ihrem strukturellen Know-how beim Aufbau weiterer Versorgungsangebote mit“, erklärt Prettner. „Ziel ist eine abgestufte, wohnortnahe Versorgung.“ Mit den AiM-Zentren in St. Andrä im Lavanttal und Finkenstein gibt es bereits erfolgreiche Beispiele für die weitere Entwicklung.