Gesundheit

Psyche: 40 bis 50 Prozent aller Kinder brauchen Hilfe

Die psychischen Auswirkungen der Corona-Krise sind vor allem bei Kindern und Jugendlichen eklatant. Christoph Schneidergruber, psychologischer Leiter des Hermann-Gmeiner-Zentrums im SOS-Kinderdorf Moosburg, über aktuelle besorgniserregende Entwicklungen.

advantage: Sie haben bereits zu Beginn der Krise – im April 2020 – vor den psychischen Auswirkungen gewarnt, die Kinder und Jugendliche – aber auch Erwachsene – durch Corona treffen. Wie hat sich das entwickelt?

Christoph Schneidergruber: Es hat sich verschärft, weil es ja so lange andauert. Und das Ende ist ja immer noch nicht absehbar. Das alles zehrt massiv an den Kindern und Familien. Kinder sind ein Spiegel von uns Erwachsenen. Das merken wir in unserer Arbeit: Wenn die Familien stabil sind, die Erwachsenen hoffnungsvoll sind, dann geht es auch den Kindern besser. Das ist ein interaktiver Prozess. Es herrscht eine zu lange anhaltende chronische Krise, die sich psychisch zeigt.

Welche sind die psychischen Erscheinungsformen?

Der Schwerpunkt sind Erschöpfungsdepressionen, auch Angststörungen – und das primär bei Kindern und Jugendlichen, die vorher schon psychisch belastet waren. Sie sind dadurch verstärkt belastet. Aber es ist interessant, dass auch Ess- oder Zwangsstörungen zunehmen. Ich erlebe das eher als Kompensationsverhalten. Eklatant ist, dass das ganze Gesundheitsbewusstsein massiv gesunken ist. Die Kinder bewegen sich viel weniger, essen mehr und ungesünder und sind sehr viel vor dem Bildschirm. Das hat massive Folgen, wenn man das ein Jahr macht. Mein großer Appell: Raus an die frische Luft, bewegen! Weg vom Bildschirm! Die Eltern müssen ein Vorbild sein, sie müssen auch hinaus in die Natur.

Wie wichtig ist es, dass Jugendsport wieder möglich ist?

Es ist sehr wichtig! Und es ist auch toll, dass die Schulen offen sind. Es ist auch wichtig für die Lehrer, zu sehen, wie es Kindern und Eltern geht. Es sind große Bildungslücken entstanden.

Nicht nur Bildungslücken, auch Entwicklungsstörungen. Haben sich diese auch verstärkt?

Das belastet mich persönlich sehr, wenn ich sehe, dass gerade Kinder, die Entwicklungsverzögerungen oder -störungen gehabt haben, durch die Pandemie noch mehr Entwicklungslücken aufweisen. Das passierte vor allem in Familien, die nicht in der Lage waren, die Kinder daheim entsprechend zu fördern. Die Schere geht noch mehr auseinander. Und gerade in diesen Familien werden jetzt oft die Kinder wiederum nicht in die Schule geschickt. Mein Appell an die Eltern: Bei allem Respekt vor ihrer Meinung, unterscheiden Sie, was das Kind braucht! Es braucht Bildung und soziale Kontakte, soziales Lernen.

"Das belastet mich persönlich sehr, wenn ich sehe, dass gerade Kinder, die Entwicklungsverzögerungen oder -störungen gehabt haben, durch die Pandemie noch mehr Entwicklungslücken aufweisen."

Christoph Schneidergruber

Kann man das wieder aufholen?

Ich würde nicht so sehr das Wort „aufholen“ strapazieren, denn es erzeugt wiederum Druck. Ich bemerke bei vielen Kindern: Diese Erschöpfungsdepression bekommen sie paradoxerweise jetzt, wenn sie wieder in die Schule gehen. Und manche Lehrkräfte glauben, sie müssten nun alles aufholen. Aber sie wollen mit Kindern aufholen, die nicht entspannt zwei Wochen in Urlaub waren, sondern die ohnehin schon am Limit sind. Diese Kinder sind wirklich völlig überlastet. Wir sollten jetzt nichts aufholen, sondern einen normalen, strukturierten Alltag schaffen, in dem wir uns füreinander Zeit nehmen und darauf achten, wie es individuell jedem Kind geht. Da stehen die Kinder ganz unterschiedlich da: Manche sind super über die Krise gekommen. Manche sind aber ganz woanders.

Gibt es Warnsignale für Eltern oder Lehrer?

Die ersten Auffälligkeiten sind immer emotionale Überlastungen – Aggressivität, Gereiztheit, es gibt ständig Streit, sie sind nicht mehr aufnahmefähig. Das sind eher extrovertierte Persönlichkeiten. Aber es gibt auch viele introvertierte Persönlichkeiten, die eher Bauchweh bekommen, schlecht schlafen, sich zurückziehen. Sie können das nicht so ausdrücken. Die Lehrer sollten hinschauen und individuell entscheiden: Wie geht es dem Kind, wo steht es, was braucht es. Was wir nicht brauchen, ist ein Gießkannen-Prinzip: Alle dasselbe und wir geben jetzt Vollgas! Wir brauchen individuelle Förderung.

Jetzt werden immer mehr Stimmen laut, die appellieren, mehr auf den psychischen Zustand von Kindern zu achten. Das Thema wurde also ein Jahr lang zu sehr vernachlässigt.

Natürlich! Wenn man Angst vor einem Virus hat, konzentriert man sich auf Maßnahmen zu seiner Bekämpfung und übersieht Begleiterscheinungen. Man hat ja auch im medizinischen Bereich einiges übersehen, etwa die Vorsorge-Untersuchungen. Jetzt kommt man drauf, dass man hinschauen muss. Und jetzt gibt es wieder viele Initiativen. Ich bin auch sehr dankbar, dass Gesundheitsreferentin Beate Prettner eine Resolution auf den Weg gebracht hat.

Ein Teil dieser Resolution ist die Forderung von mehr Kassen-Therapieplätzen. Wie sieht es bei den Therapieplätzen aus?

Ich hoffe, dass da bald mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Aber ich glaube, die Bereitschaft ist da. Österreichweit fehlten bereits vor der Corona-Krise ca. 70.000 kassenfinanzierte Therapieplätze für Kinder. Und alleine wir erleben nun einen Zulauf von 50 Prozent plus. Der Bedarf hat sich sicherlich um 50 Prozent erhöht – Schritt für Schritt durch die einzelnen Lockdowns. Jetzt sind wir sicher auf dem Höhepunkt und wir wissen nicht, wie weit es noch hinaufgeht. Vor der Pandemie haben ca. 20 Prozent aller Kinder Hilfe benötigt, jetzt sind wir sicher bei 40 bis 50 Prozent. Wir brauchen unbedingt Ressourcen.

Leider sind wir relativ hochschwellig unterwegs. Es gibt relativ viele Hürden, bis man sich in eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung begeben kann. Durch die Corona-Krise ist es noch komplizierter geworden. Diese niederschwelligen Angebote, die auch bei uns langsam entstehen, werden dringend gebraucht, wo man eben rasch Hilfe bekommt.

"Wir brauchen mehr Kinder- und Jugendpsychotherapie und klinisch-psychologische Behandlung. Das ist in den nächsten Jahren ein absoluter Schwerpunkt aufgrund der Pandemie."

Christoph Schneidergruber

Was sind das für Ängste, die bei Kindern nun häufig sind? Dass Papa den Job verliert?

Auch. Je ärmer eine Familie ist, desto größer die Belastung. Zu den existenziellen Sorgen kommt dann auch wenig Zeit fürs Kind, weil man schauen muss, wie Geld hereinkommt. Und dann bleibt das Kind auch wieder alleine mit der Schule und seinen Problemen.

Bei den älteren Kindern oder Jugendlichen ist es oft Angst, Freunde zu verlieren, keine sozialen Kontakte zu haben. Bei einer Gruppe spielen Leistungsängste eine große Rolle, dass sie es nicht schaffen, in der Schule mitzuhalten. Irgendwann klinken sie sich dann aus. Dann wird Angst eigentlich verdrängt. Das Problem wird aber immer größer, weil sie sich der Angst irgendwann stellen müssen. Dann gibt es die Angst um die Familie – gesundheitlich, um die Existenz der Familie, die Beziehung der Eltern.

Spannend: Eine gewisse Gruppe, die früher auch schon ängstlicher war, erlebte das Homeschooling als große Erleichterung. Sozial ängstliche Kinder mussten sich dem Sozialen nicht mehr stellen. Aber durch diese Vermeidung werden sie noch ängstlicher. Wir hatten hier einige Schulverweigerer. Wenn sie wieder in die Schule gehen müssen, kommt die Angst extrem heraus.

Wie sollten Erwachsene an ihre Ängste herangehen, wenn Kinder eben ein Spiegel dessen sind?

Ist man selbst am Limit, bringt es wenig, dem Kind zu sagen, was es zu tun hat. Man muss zusehen, sich selbst zu entlasten. Kinder, deren Eltern psychisch belastet oder erkrankt sind, reagieren massiv verstärkt. Da kommt dann nämlich auch die Sorge um den Elternteil dazu. Zuerst also ruhig einmal auf sich schauen: Wie kann ich mich entlasten? Wo bekomme ich Hilfe? Nur so kann man ein halbwegs entspanntes Umfeld fürs Kind schaffen. Man muss sich auch eingestehen, was geht und was nicht. Die Familie sollte im Mittelpunkt stehen, dann erst kommt die Schule.

Wie läuft derzeit die Arbeit im Hermann-Gmeiner-Zentrum ab?

Wir arbeiten seit Anfang Mai 2020 nicht mehr über Teletherapie, sondern vor Ort. Es ist deshalb aber keine normale Arbeit, weil es sehr viel um Krisenintervention geht. Es kamen viel mehr Patienten hinzu. Wir sind derzeit sehr auf kurzfristige, interventorische Bereiche konzentriert. Haben wir wieder mehr Ressourcen, werden Langzeit-Therapien wieder besser möglich sein. Es hat sich also auch unsere Arbeit sehr verändert.

Die meisten Klienten werden von Ärzten bzw. Krankenhäusern geschickt?

Sowohl als auch. Ärzte schicken viel, Eltern kommen von alleine. Jugendämter melden sich, wenn Gefahr in Verzug ist oder es häusliche Gewalt gibt. Aber es gibt auch viele Kinder und Jugendliche, die sich selbst melden. Der Schwerpunkt liegt aber sicher bei den Krisentelefonen, auch von SOS Kinderdorf haben wir da ein Angebot. Dort gibt es den Erstkontakt und viele Fälle werden zu uns weitergeleitet.

Sieht man sich die Therapiemöglichkeiten an, die hier angeboten werden: In welchen Bereichen bräuchte es jetzt schnell mehr Kapazitäten?

Wir haben viel zu wenig Kinder- und Jugendpsychiater. Wir brauchen mehr Kinder- und Jugendpsychotherapie und klinisch-psychologische Behandlung. Das ist in den nächsten Jahren ein absoluter Schwerpunkt aufgrund der Pandemie. Wir haben auch erneut ersucht, diesen Bereich aufzustocken.

Wie sieht es mit den Kapazitäten derzeit aus?

Die Therapiestunden, die wir anbieten können, sind gleich geblieben. Wir haben nur mehr Patienten und verteilt auf diese Patienten weniger Stunden. Wir hoffen, dass wir demnächst mehr Ressourcen bekommen, weil der Bedarf deutlich gestiegen ist.

Fakten

Eine Studie der Donau-Universität Krems in Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien und mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung hat die psychische Gesundheit von etwa 3.000 Schülern untersucht. Ein paar Ergebnisse:

  • 55 Prozent leiden unter einer depressiven Symptomatik, die Hälfte unter Ängsten, ein Viertel unter Schlafstörungen und 16 Prozent haben sogar suizidale Gedanken. Das ist eine Verfünf- bis Verzehnfachung dieser Symptome.
  • Herausgekommen ist auch ein deutlicher Anstieg der Handy-Nutzung: Rund die Hälfte der Schüler verbringt täglich fünf oder mehr Stunden am Smartphone – das ist eine Verdopplung zu 2018.
Statistik

Der Notruf für Kinder und Jugendliche „Rat auf Draht“ (wird von SOS-Kinderdorf großteils über Spenden finanbziert) zog kürzlich Bilanz, was die Themen der Beratungen betrifft:

  • Angst: + 61 Prozent
  • Überforderung mit Schule und Homeschooling: + 159 %
  • Arbeitslosigkeit: + 60 %
  • Essstörungen: + 35 %
  • Schlafstörungen: + 64 %
  • psychische Erkrankungen wie Panikattacken, Depressionen, Borderline: + 45 %
  • Suizid-Gedanken: + 15 %

(Erhebung: 1. März 2020 bis 28. Februar 2021, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum)

Christoph Schneidergruber bemerkt allein im Hermann-Gmeiner-Zentrum (Ambulatorium für Neurologie und Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters) einen enormen Anstieg an Patienten. – Foto: Vanessa Pichler
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