Wirtschaft

Werner Kruschitz: „Unser Hauptproblem ist das Image von Plastik“

Werner Kruschitz im Interview zu Herausforderungen der Kunststoff-Recycling-Branche. In Österreich werden weitaus zu wenig Kunststoff-Abfälle gesammelt.

Wussten Sie, dass der Bezirk Völkermarkt die höchste Kunststoff-Recycling-Quote pro Kopf in Europa hat? Verantwortlich dafür zeichnet vor allem Werner Kruschitz, der über mehr als 40 Jahre Erfahrung im Kunststoff-Recycling verfügt. Er verkaufte 2019 seine Unternehmen Kruschitz GmbH in Völkermarkt und Plast Compound Kunststoffproduktion GmbH in Kühnsdorf an die deutsche Steinbeis Holding und zog sich aus dem operativen Geschäft zurück. In der Beratung ist er aber nach wie vor aktiv. Wir sprachen mit ihm über die Zukunft des Kunststoff-Recyclings.

advantage: Sie arbeiten über 40 Jahre lang im Recycling-Bereich. Was waren die entscheidendsten Veränderungen?

Werner Kruschitz: Der erste große Umbruch war die Deponie-Verordnung, als begonnen wurde, Kunststoffe nicht mehr zu deponieren. Es ging also mehr in die thermische Verwertung, in die Verbrennung. Die wichtigste Entwicklung geschah 1993 mit der Verpackungs-Verordnung. Seitdem werden Kunststoffe über den Gelben Sack gesammelt, es begann das Recycling von Abfällen der Endverbraucher. Die angestrebte Recycling-Quote beträgt heute 25 Prozent, bis 2025 soll sie auf 50 Prozent verdoppelt werden, so das EU-Ziel. Derzeit tut sich irrsinnig viel. Ein neuer Zweig, der im Kommen ist, ist etwa das chemische Recycling.

Es muss also mehr gesammelt werden. Wie kann das gelingen?

Die Quote von 25 Prozent wird zu einem Großteil durch die PET-Flasche erfüllt. Die Quoten müssen jetzt steigen – auch kleinere Kunststoffe müssen gesammelt werden. Um die Sammelquote zu erhöhen, müssen wir dem Konsumenten auch die Möglichkeit dazu geben. Die gelbe Tonne muss viel öfter geleert werden. Wir haben in Österreich fünf verschiedene Sammel-Systeme. Wir brauchen ein einheitliches – eine reine Kunststoff-Sammlung, die oft abgeholt wird. Jeder Kunststoff gehört gesammelt, nicht nur Verpackungen, auch Stühle, Badewannen, Auto-Stoßstangen… Weiters gibt es zu wenig Sortieranlagen, es muss in vollautomatische Sortieranlagen investiert werden. Drittens müssen wir für das Rezyklat auch einen Markt schaffen. Bisher war die Kunststoff-Branche die einzige, in der die Primärindustrie den Abfall nicht zurückgenommen hat. Das ändert sich nun. 40 Millionen Tonnen Kunststoff werden in Europa verarbeitet, ab 2030 müssen davon 25 Prozent, also zehn Millionen Tonnen, Recycling-Material sein. Kunststoff-Recycling funktioniert, es muss nur richtig gesammelt, sortiert und das Recycling-Material wieder eingesetzt werden.

Es geht derzeit immer mehr in Richtung Kunststoff-Verbot. Wie sehen Sie das?

Wir müssen natürlich aufpassen, dass Kunststoff nicht komplett verboten wird. Was derzeit von der EU und vom Ministerium vorgegeben wird, sind sehr viele Verbote. Kunststoff wird schlecht gemacht, was sehr schade ist. Das passiert durch Lobbying der Papier- und Glasindustrie. Und die Lobby der kunststofferzeugenden Industrie wehrt sich nicht, ist zu klein und zu uneinig. Unser Hauptproblem ist das Image von Plastik, durch bewusstes Lobbying wird die Bevölkerung zum Teil falsch informiert.

Es ist also mehr Aufklärung der Bevölkerung notwendig?

Ja, wir müssen am Image von Plastik arbeiten. Beim Recycling von einer Tonne PET-Flaschen werden 7.000 Kilogramm CO2 eingespart – im Verhältnis dazu, wenn man Kunststoff neu herstellt. Ein Leben ohne Kunststoff wird uns keine bessere Umwelt bringen. Er kann nichts dafür, dass er weggeworfen wird. Wir müssen ihn korrekt sammeln und zum Recycling bringen. Das geschieht nun etwa in den Ozeanen. Da wird sehr viel gesammelt. Immer mehr Hersteller verlangen heute auch nach Abfall aus Meeren, den sie gezielt einsetzen, um damit Marketing zu betreiben. Die Mikroplastik-Diskussion ist auch so eine Falschinformation. 80 Prozent des Mikroplastik kommen vom Auto-Reifenabrieb und da geht es nicht um Plastik, sondern um Gummi. Solche Dinge muss man wissen!

Werner Kruschitz

"Unser Hauptproblem ist das Image von Plastik, durch bewusstes Lobbying wird die Bevölkerung zum Teil falsch informiert."

Ist Pfand eine Lösung, um höhere Sammelquoten zu erreichen?

Dass Pfand ein gutes System ist, sieht man in Deutschland. Pfand sollte es auf alle Verpackungen geben, auch auf Papier oder Tetra Pak. Ein Pfandsystem hat noch dazu eine soziale Komponente. Es gibt Leute, die sich mit dem Sammeln von Pfand etwas dazuverdienen. Für den Handel hat Pfand den Vorteil, dass der Konsument wieder ins Geschäft zurückkommt und dabei sicher wieder etwas kauft.

Um mehr recyceln zu können, müsste man auch bei den Verpackungen ansetzen. Verbund-Material ist eine Katastrophe, also zum Beispiel eine Verpackung aus Papier, die innen kunststoffbeschichtet ist. Das recycelt niemand, weil eine sortenreine Trennung viel zu teuer ist. Solche Verpackungen werden verbrannt. Wenn wir gewisse Verpackungen gleich rein aus Kunststoff herstellen würden, könnte man sie wenigstens wieder recyceln.

Vor einem Jahr haben Entsorgungsbetriebe aufgrund der gefallenen Ölpreise davor gewarnt, dass Plastik-Recycling sich nicht mehr lohnt, weil die Industrie immer mehr auf den Verbrauch neuer Kunststoffe setzt. Wie ist die Situation derzeit?

Seit November hat sich der Rohstoff-Preis wieder verdoppelt, man kann im Recycling wieder sehr, sehr kostendeckend arbeiten. Die Märkte sind aber sehr volatil. Der Recycler ist stark vom Ölpreis abhängig und davon, wie hoch der Aufwand ist. Erhalte ich sauberen Kunststoff, also sortenreinen, so rechne ich mit Kosten von 100 bis 150 Euro pro Tonne fürs Recycling. Ist der Kunststoff nicht sortenrein, sind es schon zwischen 500 und 600 Euro. Wenn die Rohstoffpreise unter einen gewissen Wert sinken, müssten die Recycler eine Zuzahlung bekommen.

Es gibt nun eine Kooperation von Kärnten und Oberösterreich, was die Kreislaufwirtschaft betrifft. Was ist das Ziel dieser Zusammenarbeit?

In Oberösterreich wurde vor über 20 Jahren ein eigener Kunststoff-Cluster gegründet, der sehr erfolgreich ist. Dieser hat sich auf andere Bundesländer ausgeweitet. Ziel wäre ein Österreich-Cluster, denn aufgrund der Größe des Landes macht es keinen Sinn, dass es in jedem Bundesland einen eigenen Cluster gibt. Die Zusammenarbeit wird in der Ausbildung, gemeinsamer Markterforschung, Forschung und Entwicklung und im gemeinsamen Lobbying gelebt. Es geht um eine Vertretung der Branche entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um ein positives Image zu erzielen. In der Gruppe sind wir stärker und können gemeinsam wachsen. Und die Plattform wird vom Land Kärnten unterstützt. Es passiert in dieser Branche derzeit sehr viel, da wollen wir gerüstet sein. Die Schwarz-Gruppe, zu der etwa Lidl gehört, will europaweit ein Recyclingzentrum aufbauen. Davon erwarte ich mir sehr viel.

Als Berater in der Kunststoff-Recycling-Branche sind Sie nicht nur in Europa tätig…

Genau. Ich bin zum Beispiel auch Konsulent für afrikanische Länder, die kaum über Rohstoffe, aber über viel Abfall verfügen. Sie können sich den Kunststoff-Import ersparen, wenn sie ihre Abfälle recyceln. Aus Abfall wird qualitativ hochwertiger Rohstoff produziert und die Wertschöpfung bleibt im Land. Genau so muss auch Europa bzw. Österreich vorgehen – viel mehr sammeln mit reiner Kunststoff-Sammlung und vollautomatische Sortierung, was die Sortierkosten im Vergleich zu manueller senkt. So müssten wir weniger Abfall importieren, um die Recycling-Betriebe auszulasten.

Die Branche und Ziele

In Kärnten gibt es in der Kunststoff-Verarbeitung rund 80 Betriebe mit etwa 1.800 Mitarbeitern.

Derzeit liegt die Recycling-Menge für Kunststoff-Verpackungen in Österreich bei ca. 100.000 Tonnen (34 Prozent). Bis 2025 muss diese Quote 50 Prozent betragen (EU-Ziel), bis 2030 sogar 55 Prozent.

Bei der getrennten Sammlung von Kunststoffeinweg-Getränkeflaschen ist das Ziel für 2025 77 Prozent (ab 2029: 90 Prozent). Derzeit erreicht Österreich etwa 70 Prozent.

In der industriellen Produktion wird durch eine eigene EU-Verordnung eine verpflichtende Mindesteinsatzquote von recyceltem Kunststoff eingeführt – in zwei Schritten. Ab 2025 sind es 30 Prozent, ab 2030 dann 50 Prozent.

Weiteres Betätigungsfeld

Werner Kruschitz beschäftigt sich aktuell auch stark mit dem Immobilien-Bereich. Das Firmenareal der ehemaligen Firma Greiner Packaging in Wernberg wurde kürzlich erworben. Dort entsteht nun auf rund 13.000 Quadratmetern eine Art Gewerbepark. Das Ziel sind acht bis zehn Betriebe mit einem guten Branchenmix. Aufgrund der Nähe zu Infineon kristallisiert sich derzeit heraus, dass vor allem Betriebe aus der Halbleiter-Industrie Interesse zeigen.

In Österreich müsste noch weit mehr Kunststoff gesammelt werden, um ihn zu recyceln. – Foto: Pixabay/phtorxp
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