„Echte Wertschätzung beginnt dort, wo wir das private Leben unserer Mitarbeiter:innen ernst nehmen und aktiv unterstützen.“
Zwischen Job und Care-Arbeit gesund bleiben
Der Spagat zwischen Beruf und Familie ist für viele Arbeitnehmer:innen herausfordernd. Für mehr als zwei Drittel der Erwerbstätigen ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein entscheidendes Kriterium für die Jobwahl. Wird der „Gender Care Gap“ hinzugerechnet, zeigt sich, besonders Frauen erleben Mehrfachbelastungen. Sie übernehmen durchschnittlich 43 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Strukturelle Barrieren wie mangelnde Betreuungseinrichtungen machen die Vereinbarkeit von familiären Pflichten und insbesondere Vollzeitbeschäftigung noch schwieriger.
Konsequenzen von Mehrfachbelastung
Folgen der Mehrfachbelastung können vielfältig sein, ein dauerhaft erhöhtes Stresslevel kann neben Erschöpfung zu gesundheitlichen und psychischen Problemen führen. In ihrer Bilanz für 2025 benennt die Arbeiterkammer Kärnten allgemein psychische Belastungen von Beschäftigten als „blinden Fleck im Arbeitnehmer:innenschutz“. Das zeigt den Handlungsbedarf und welches Potenzial es zu nutzen gilt. Um Familie und Beruf besser miteinander vereinbar zu machen, gibt es Initiativen, die Unternehmen ermutigen, sich in eine familienfreundliche Zukunft zu entwickeln. Mit Auszeichnungen wie „Familienfreundlichster Betrieb“ oder „Familie & Beruf“ oder dem Gütezeichen für „berufundfamilie“ forcieren Bund und Länder genau diese Entwicklung bei Unternehmen, erkennen Veränderungen an und ehren die besten Beispiele mit eben diesen Auszeichnungen. Diese Betriebe leben Vereinbarkeit und zeigen vor, wie es gehen kann. Auch die betriebliche Kinderbetreuung wird ein immer realeres Konzept und spielt sowohl in der Steiermark als auch in Kärntner Unternehmen eine immer größere Rolle.
Wohlbefinden stärken und Motivation erhöhen
Erst kürzlich wurden die „Familienfreundlichsten Betriebe Kärntens 2025“ ausgezeichnet. Einer von ihnen ist autArK. Als Sieger in der Kategorie Non-Profit-Organisation punktet autArK mit Frauenförderungsplanung, familienorientierten Arbeitszeitmodellen, Weiterbildung, einer wertschätzenden Unternehmenskultur, Arbeitsplatzsicherheit und betrieblicher Gesundheitsförderung. „Echte Wertschätzung beginnt dort, wo wir das private Leben unserer Mitarbeiter:innen ernst nehmen und aktiv unterstützen“, betont Andreas Jesse, Geschäftsführer von autArK. Unternehmen, die ein familienfreundliches Arbeitsumfeld pflegen, gewinnen auch an Attraktivität als Arbeitgeber:in und schaffen einen echten Mehrwert für ihre Mitarbeiter:innen. Sie leben die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aktiv und unterstützen zugleich das Wohlbefinden und die Gesundheit ihrer Mitarbeiter:innen.
„Ein familienfreundliches Arbeitsumfeld stärkt nicht nur das Wohlbefinden jedes einzelnen Menschen, sondern erhöht auch Motivation, Engagement und langfristige Bindung. Als soziales Dienstleistungsunternehmen sehen wir es als unsere Verantwortung, jene Haltung nach innen zu leben, die wir auch nach außen vertreten“, so Jesse. Bei autArk wird nichts dem Zufall überlassen. Das Unternehmen setzt unter anderem auf strukturierte Maßnahmen, die Vereinbarkeit systematisch fördern, was mit 33 Standorten in Kärnten durchaus eine Herausforderung ist.
Die Lücken bei der Kinderbetreuung schließen
Dicht verwoben mit der Vereinbarkeit von Sorgearbeit und Erwerbstätigkeit ist die Verfügbarkeit von Betreuungseinrichtungen. Wie wichtig Kinderbetreuung ist, zeigte eine Studie der WKO Steiermark aus dem Jahr 2023, erhoben unter 156 Betrieben. Von den befragten Mitarbeiter:innen und Unternehmer:innen sagten 50 Prozent, dass es Verbesserungspotenzial in der Förderung und Schaffung von betrieblichen Kinderbetreuungseinrichtungen gibt. Deshalb hat das Land Steiermark in Kooperation mit der WKO Steiermark sowie der Industriellenvereinigung im September letzten Jahres eine Plattform zum Thema betriebliche Kinderbetreuung für interessierte Unternehmen geschaffen.
Das Hilfswerk Kärnten hat bereits ein Kinderbetreuungsangebot für die Ferien und Fenstertage, wurde ebenfalls „Familienfreundlichster Betrieb 2025“ und beweist, dass Familienfreundlichkeit eine Frage der Haltung ist. Mit 150 verschiedenen Arbeitszeitmodellen, einer eigenen Akademie für Weiterbildungen, einer Work-Life-Balance-App sowie einem Karenz- und Pensionistenpool schafft die Organisation maximale Flexibilität für ihre Mitarbeitenden. „Wir leisten seit Jahrzehnten Pionierarbeit in Sachen Familienfreundlichkeit“, erklärt Elisabeth Scheucher-Pichler, Präsidentin des Hilfswerks Kärnten. Mit der Vielzahl an Arbeitszeitmodellen ist es möglich, auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen der Mitarbeiter:innen einzugehen, von der Kinderbetreuung bis zur Pflege von Angehörigen. Außerdem wirkt sich das in einer sehr geringen Fluktuation aus. Aktuell liegt die Frauenquote des Hilfswerk bei 98 Prozent mit über 1.000 Beschäftigten in ganz Kärnten.
Vielfalt als Chance statt als Herausforderung sehen
Das Unternehmen Komptech GmbH aus der Steiermark wurde Ende 2025 mit dem Zertifikat „berufundfamilie“ ausgezeichnet. Dieser Betrieb versteht unterschiedliche Hintergründe und Familienkonstellationen seiner Angestellten weniger als herausfordernd, sondern als Chance. „Die Vielfalt unseres Teams ist der Motor für Innovationen und eine nachhaltige Unternehmenskultur – Personen unterschiedlicher Herkunft, verschiedenen Alters, aus vielfältigen Familienkonstellationen, mit einer breiten Palette an Hobbys und Erfahrungen haben alle eine andere Sicht auf Herausforderungen. Davon profitieren wir“, erklärt Christoph Feyerer, CEO von Komptech. Das Unternehmen setzt auf ein Rundum-Paket an Maßnahmen, die zum Teil schon seit Jahren etabliert sind, und baut diese auch regelmäßig aus: „KT in Motion“ bietet ein breites Angebot von Fitnesseinheiten bis hin zu Backkursen. „Instahelp“ stellt im Bedarfsfall professionelle psychologische Unterstützung bereit. „We Care“ leistet schnelle und unbürokratische finanzielle Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen.
Mit der Zertifizierung „berufundfamilie“ hat das Unternehmen den „oft als selbstverständlich empfundenen Vereinbarkeitsangeboten“ einen neuen Stellenwert gegeben. So sind sie besser sichtbar und „wir können sie strukturiert weiter ausbauen und neue Ideen entwickeln“, betont Feyerer. „Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter:innen sind die wichtigsten Zutaten für unseren Erfolg und wesentlicher Bestandteil unserer Unternehmenswerte. Die Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben sowie das Wohlergehen unserer Beschäftigten stehen daher bei uns seit jeher im Fokus“, lautet sein Credo. Unter allen mit dem Gütesiegel „berufundfamilie“ ausgezeichneten Unternehmen, Hochschulen sowie Gesundheitsund Pflegeeinrichtungen fanden sich fünf Betriebe aus der Steiermark und 22 Kärntner Unternehmen.
„Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter:innen sind die wichtigsten Zutaten für unseren Erfolg und wesentlicher Bestandteil unserer Unternehmenswerte.“
Gender Care Gap
Der „Gender Care Gap“ vergleicht, wie groß der Zeitunterschied zwischen Männern und Frauen ist, die täglich unbezahlte Sorgearbeit leisten. Laut AMS Österreich zeigte der „Gender Care Gap“, dass Frauen durchschnittlich 43 Prozent mehr Sorgearbeit übernehmen als Männer. Gründe dafür sind unter anderem Gehaltsunterschiede, denn Frauen verdienen im Durchschnitt weniger als Männer, deshalb ist es für viele Familien ökonomisch sinnvoller, wenn die Frau sich um die Sorgearbeit kümmert und der Mann erwerbstätig bleibt. Außerdem kommen häufig traditionelle Geschlechterrollen zum Tragen. Fehlende Infrastruktur, wie beispielsweise mangelnde Betreuungseinrichtungen und andere strukturelle Barrieren, können dazu führen, dass Frauen eher einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen, um mehr Sorgearbeit übernehmen zu können. Die Konsequenzen daraus münden für Frauen in ökonomischer Abhängigkeit, geringeren Karrierechancen oder im schlimmsten Fall in Altersarmut.
Vom Landespreis zum Staatspreis
Die Auszeichnung „Familienfreundlichster Betrieb“ ist ein Landespreis, den jedes Bundesland ausschreibt. Die drei bestgereihten Unternehmen oder Institutionen des jeweiligen Bundeslandes können am Staatspreis „Familie&Beruf“ teilnehmen.
WEITERE INFOS
Staatspreis „Familie&Beruf“: www.familienfreundlichsterbetrieb.at
Zertifizierung „berufundfamilie“: www.familieundberuf.at
1. Stephanie Schuller, WKK-Vizepräsidentin Astrid Legner, Andreas Jesse, Susanne Högl und Michaela Kuchernig mit dem autArK Zertifikat. © WKK/FiW
2. Elisabeth Scheucher-Pichler, Christian Havelka und Astrid Legner beim Hilfswerk Kärnten. © WKK/FiW
3. Die Komptech GmbH sieht die Vielfalt ihres Teams als Motor für Innovationen. © Harald Schlossko