Barbara Wiegele, Waldpädagogin und Waldgesundheitstrainerin aus Finkenstein © Marta Gillner
Zwischen WURZELN und WEITBLICK
Unser Alltag ist geprägt von ständiger Erreichbarkeit. Noch bevor der Tag richtig begonnen hat, prasseln bereits die ersten Informationen auf uns ein. Zwischen Smartphone, endlosen To-do-Listen und Termindruck bleibt oft wenig Raum zum Durchatmen. Umso mehr wächst bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Stille, Natur und bewussten Auszeiten fernab von Stress und Reizüberflutung.
Mehr als frische Luft
„Der Wald gehört zu den besten Tankstellen, wo man seine Batterien wieder aufladen kann“, behauptete schon Schriftsteller Ernst Ferstl. Dass diese Worte mehr sind als bloße Poesie, wird heute durch zahlreiche Studien untermauert. Wissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass Terpene - flüchtige Duft und Botenstoffe, die von Bäumen abgegeben werden - das Immunsystem unterstützen, Stress reduzieren und sich positiv auf das Wohlbefinden auswirken können. Als besonders wirksam gelten vor allem jene Terpene, die von Nadelbäumen wie Fichten, Kiefern oder Tannen verströmt werden.
Wie der Wald wirkt
Der Einfluss dieser Stoffe auf das Immunsystem ist bemerkenswert: Laut einer Studie der Universität Tokio steigt die Anzahl natürlicher Killerzellen nach einem Tag im Wald für mehrere Tage um bis zu 40 Prozent an. Diese Immunzellen spielen eine wichtige Rolle bei der Abwehr virusinfizierter und krankhaft veränderter Zellen. Verbringt jemand zwei Tage im Wald, soll sich die Zahl der Killerzellen sogar um 100 Prozent erhöhen - und dieses Niveau noch rund einen Monat bestehen bleiben. Die Forschung zeigt zudem, dass die beruhigende Waldatmosphäre den Level der Stresshormone Cortisol und Adrenalin messbar senken kann. Zugleich wird der Parasympathikus aktiviert, der für Erholung und Regeneration zuständig ist.
Dem Wald bewusst begegnen
Kein Wunder also, dass die Praxis des Waldbadens in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Denn selbst, wenn bereits ein „normaler“ Aufenthalt im Wald positive Effekte auf Körper und Geist hat, können diese durch „Shinrin Yoku“, das „Waldluftbad“ - übrigens eine in den 80erJahren in Japan entwickelte und dort medizinisch anerkannte Therapieform - deutlich verstärkt werden. Aber worin unterscheidet sich Waldbaden nun von einem gewöhnlichen Waldspaziergang?
Ulli Felber, Waldbaden Trainerin und Waldpädagogin aus Graz © Karin Belay