Umwelt

Europäischer Wald im Dauerstress

Auf die Waldwirtschaft kommen große Veränderungen zu. Forstwirte müssen auf den Klimawandel und dessen Auswirkungen reagieren.

Seit Jahren sei es offensichtlich. „Das Klima verändert sich“, sagt Martin Straubinger, Forstdirektor des Gutes Foscari im Drautal. Unwetter habe es auch früher immer wieder gegeben, aber die langen Trocken- und Hitzeperioden gefolgt von Stürmen und Starkregenereignissen in dieser raschen Abfolge und Intensität seien neu. Seit 2018 erholt sich der europäische Wald nicht mehr vollständig, wobei hier primär von den Fichten­kulturen, die viel Wasser brauchen und nicht hitzeresistent sind, die Rede ist.

Die Fichte in unseren Breiten ist nichts Naturgegebenes. Vor rund 300 Jahren waren weite Teile Europas mit Laubholz bewachsen, doch der prosperierende Bergbau verlangte nach Nadelholz, da die Laubhölzer für den Stollenbau nicht verwendet werden konnten. Auch für die Produktion von Holzkohle eignet sich Nadelholz wesentlich ­besser. Und so wurden nach und nach in der Ebene riesige Flächen an Fichtenwäldern kultiviert.

„Ein paar Jahrhunderte ist es gut gegangen“, meint Straubinger. Doch nun bekommen unsere Wälder und damit unsere Waldwirtschaft große Probleme. So seien derzeit allein in Deutschland Flächen mit einer Milliarde Festmeter Holz unter 600 Meter Seehöhe massiv gefährdet, erzählt der Forstdirektor. In unserem Nachbarland seien in diesem Jahr Fichtenwälder großflächig einfach vertrocknet. 2018 gab es eine lange Dürreperiode, 2019 war einer der heißesten Sommer und das Jahr 2020 gab den Kulturen mit einer weiteren Trocken­periode den Rest. Straubinger schätzt, dass in Deutschland heuer dadurch rund 100 Millionen Festmeter Holz anfallen. „Damit wäre die gesamte europäische Sägeindustrie ausgelastet“, sagt er. Daher sei es kein Wunder, dass sich der Rundholzpreis derzeit im freien Fall befinde.

Österreich sei durch mehr Niederschlag und die höheren Lagen etwas besser dran, doch die fünf Windwurfereignisse der vergangenen vier Jahre hatten etwa drei bis vier Millionen Festmeter Schadholz zur Folge, so Straubinger. Es gebe zwar auch hier große Vorräte an Fichtenholz, doch die meisten liegen über einer Seehöhe von 600 Metern.

Eine weitere Gefahr für den angeschlagenen Wald als Folge der ­Wetterextreme ist der Borkenkäfer, der sich seit 2018 nahezu ungebremst großflächig in Europas Wäldern ausbreitet. Das Schadholz, das vielfach liegen geblieben ist, bildet die ideale Brutstätte für den Baumschädling. Daher sollte Schadholz so rasch wie möglich aus dem Wald entfernt werden, was aber nicht immer möglich ist. Vielfach ist das Gelände unwegsam oder die Forstwege wurden durch Muren zerstört oder es fällt soviel auf einmal an, dass es nur über einen längeren Zeitraum abtransportiert werden kann. Ist der Baum „gestresst“, etwa durch Trockenheit oder Schäden, ist sein Immun­system geschwächt und er bietet die ideale Angriffsfläche für den Käfer. Ein gesunder Baum hingegen kann den Schädling abwehren.

Daher lautet die Strategie, den Wald möglichst gesund zu erhalten. Das erreicht man auch durch eine gute Mischung verschiedener ­Baumarten. Im Gut Foscari sind dies Fichte und Lärche, durchmischt von Tanne, Kiefer und Buche. In Wäldern unter 600 Meter Seehöhe sollte man auf lange Sicht ­verstärkt auf verschiedene Laubbaumarten wie Buche, Eiche, Ahorn, Elsbeere oder Wildobstarten setzen, von den Nadelhölzern eigneten sich Kiefer, Tanne und die Douglasie recht gut, meint Straubinger. Fortwirtschaft erfordert langfristige und vorausschauende Planung. Ein Baum muss – je nach Bodenbeschaffenheit und Seehöhe – 80 bis 120 Jahre wachsen, bis er geerntet werden kann und Ertrag abwirft.

Österreich und damit auch das Forstgut Foscari betreibt nachhaltige Waldwirtschaft. Das heißt, es werden nur die „reifen“ Bäume herausgeschlagen. Der Nachwuchs fliegt selbst an und wächst im Schutz der Großen heran. So erneuert sich der Wald täglich selbst. Aufgeforstet werden nur Kalamitätsflächen.

Was so einfach klingt, bedarf steter Arbeit und Know-hows, denn die Jungwaldpflege ist die Voraussetzung für einen gesunden Wald. Die schwächeren Stämmchen werden regelmäßig entfernt, um Platz für die gesunde Entwicklung der nachwachsenden Bäume zu schaffen. Nachhaltige Waldwirtschaft heißt daher auch, immer verschieden­jährige Stämme in seinem Forst zu haben.

Ein altes Thema ist der Wildverbiss, der den Jungwald schwächt. Vor allem auf Tannen, die als Tiefwurzler in Begleitung mit der flachwurzelnden Fichte für einen stabilen Waldboden sorgen, haben es die Tiere abgesehen. Schutzmaßnahmen wie beispielsweise Einzäunungen seien bei dem derzeitigen Holzpreis nicht rentabel, sagt Straubinger und plädiert für niedrigere Wildbestände.

Credit: Foscari

"Wir brauchen eine einheitliche Strategie."

Martin Straubinger, Forstdirektor des Guts Foscar

Die Forstwirtschaft brauche zum Überleben ein gesamteuropäisches Konzept, fordert Martin Straubinger, Forstdirektor des Guts Foscari.

Die Extremwetterereignisse der vergangenen Jahre haben nicht nur große Schäden angerichtet, sie brachten in Folge auch eine massive Wettbewerbsverzerrung. Denn in den einzelnen Ländern werden die Forstwirte völlig unterschiedlich entschädigt und gefördert. „Tschechien und Deutschland beispielsweise sind sehr großzügig“, sagt Straubinger. „In diesen Ländern werden die Kosten für die Aufarbeitung des Kalamitätenholzes zu 100 Prozent vom Staat übernommen.“ Eine solche Förderung sei „Feuer“ für den Holzmarkt.  Zusätzlich wird in einigen Regionen Europas die Wertdifferenz zwischen gesundem Holz und Schadholz abgegolten. „In Deutschland können Sie zurzeit eine Million Festmeter Rundholz um einen Euro kaufen“, erläutert der Forstdirektor. „Ich vermisse hier eine gesamteuropäische Strategie“, kritisiert er. In Österreich gebe es nicht einmal ein gesamtstaatliches System, jedes Bundesland agiere anders.  Jedes Bundesland hat andere Förderansätze und Schwerpunkte. Und diese unterschiedliche Behandlung ein und desselben Problems mache die Forstwirtschaft derzeit sehr mühsam, meint der Forstdirektor. Er fordert eine einheitliche Vorgangsweise und ein gesamteuropäisches Konzept. Denn die Situation der Waldwirtschaft werde sich kurzfristig nicht bessern, und weitere Unwetter und Dürr­eperioden seien zu erwarten.

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